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Roya Issa

Syrer in der deutschen Kulturszene

Kamiran Hudsch

Momentan erlebt die syrische Kultur einen Aufschwung in der deutschen Literaturszene, nachdem sie lange Zeit unbeachtet geblieben war. Vielleicht lag dies am mangelnden Interesse der Verlage und des damit einhergehenden Wissensdefizits über die syrische Kultur außerhalb des Fachpublikums.  

Unmittelbar nach Beginn des syrischen Volksaufstands im Frühling 2011 entwickelte sich eine literarische und künstlerische Revolution in der Diaspora. Viele syrische Schriftsteller und Künstler suchten Zuflucht in einem fremden Land, um ein neues Leben in Freiheit zu beginnen.

In den letzten zwei Jahren hat sich Berlin zur syrischen Kulturhauptstadt in der Diaspora entwickelt, nachdem eine beträchtliche Anzahl von Schriftstellern und Künstlern sich dort niederließ. Als Augenzeugen des großen menschlichen Verbrechens in ihrem Land, erfuhren syrische Intellektuelle eine unvergleichliche Aufmerksamkeit. Viele kulturelle und politische Institutionen luden syrische Schriftsteller und Künstler nach Deutschland ein. Sie gewährten ihnen Arbeitsstipendien, damit sie sich in Vollzeit ihrem kulturellen Schaffen widmen konnten. Nach ihrer Niederlassung konnten sie hier in Freiheit arbeiten, was sie aus ihrem Heimatland so nicht kannten.

Diese Einladungen stellten vielerorts eine Chance für die deutsche Öffentlichkeit dar, mehr über das Leid der Syrer zu erfahren. Die Anfänge waren eng mit dem Thema Flucht verknüpft. Interessenten wollten von den Neuankömmlingen mehr über die humanitäre Lage in Syrien erfahren. Womöglich führen veränderte Umstände aber dazu, dass sich die große Gruppe der intellektuellen „Flüchtlinge“ hin zu einer neuen Kulturszene entwickelt. Bei einem literarischen Abend im Jahr 2013 beklagte ein syrischer Schriftsteller, dass ihm das Publikum immer nur Fragen stelle, wie es denn sei, ein Flüchtling zu sein, und ob er sich wohl fühle im Aufnahmeland. Das Publikum bemitleide ihn und betrachte seinen Aufenthalt in Deutschland als großzügigen Segen, der ihm zuteil komme.

Mit der Ankunft von weiteren syrischen Kulturschaffenden hat die syrische Kulturpräsenz in Deutschland neben dem Fluchtaspekt einen zusätzlichen Aspekt angenommen. Zu diesen Kulturschaffenden zählen sowohl bereits bekannte als auch junge aufstrebende Persönlichkeiten, die entweder von deutschen Institutionen eingeladen wurden oder über Fluchtrouten nach Deutschland kamen. Die Kulturszene erfuhr eine beachtliche Verbreitung syrischer Schriftsteller, Künstler, Blogger und Kulturaktivisten über die Neuen Medien.

Artikel syrischer Schriftsteller werden ins Deutsche übersetzt und in überregionalen deutschen Zeitungen abgedruckt. Im letzten Jahr sind deutsch-arabische Lyrik-Anthologien veröffentlicht worden, in denen hauptsächlich junge Autoren zu Wort kommen. Auf den Buchmessen werden syrische Schriftsteller gefeiert, es gibt syrische Theateraufführungen oder zumindest Aufführungen mit syrischer Beteiligung und die Kunstszene widmet syrischen Künstlern spezielle Ausstellungen.

Es gibt sogar deutsch-arabische Zeitungen, die sich speziell dem Thema Syrien widmen. Hier schreiben Flüchtlinge für Flüchtlinge und tauschen sich über ihre Alltagserfahrungen in Deutschland aus. Das Themenspektrum dieser Zeitungen erweiterte sich in der Folge um kulturelle Themen.

Dank der Übersetzerinnen und Übersetzer, die trotz aller Schwierigkeiten ihre Bemühungen in den Dienst der syrischen Kultur stellen, erlebten Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche einen Aufschwung. Ziel der Übersetzungsarbeit bleibt es auch weiterhin, syrische Stimmen einem möglichst breiten deutschen Publikum zugänglich zu machen. Diese Stimmen sind immer noch von den Themen Krieg, Flucht und menschliches Leid geprägt, da politische Themen im Mittelpunkt stehen.

Das Problem der Veröffentlichung bleibt sowohl quantitativ als auch qualitativ eine wichtige Schwelle für syrische Schriftsteller: quantitativ, weil wenige deutsche Verlage syrische Literatur vermarkten, und qualitativ, weil in erster Linie die Themen Krieg und Flucht im Zentrum stehen. Das ist heutzutage verständlich, lässt aber viele literarische Arbeiten redundant erscheinen.

Jedoch können Entwicklungen wie die Zunahme von syrischen Literatur- und Kunstforen, die Verbreitung von Übersetzungen ins Deutsche und die Ausstellung syrischer Künstler in Großgallerien zur Etablierung einer syrischen Kulturszene in der deutschen Diaspora beitragen. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Kulturszene, die nicht auf ihren politischen Hintergrund reduziert werden kann, sondern sich in die allgemeine deutsche Szene eingliedert und zu ihr beiträgt. Vor rund einem Jahrhundert konnte die arabische Literatur in der amerikanischen Diaspora der kulturellen Vielfalt neuen Glanz verleihen. Vielleicht ergeht es der syrischen Kultur in der Diaspora heute ähnlich.

Übersetzung: Mohamed Boukayeo, Mahara-Kollektiv, [email protected]

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