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Andere Aspekte der Integration von Geflüchteten

Mustafa Alwali. Syrischer Schriftsteller und Erzähler, lebt in Deutschland.

Das Wort “Integration” ist unter den in Deutschland lebenden Geflüchteten in aller Munde. Sie beziehen sich dabei direkt auf zwei Bedingungen, die aus den deutschen Gesetzen hervorgehen: Der Spracherwerb und eine gewisse Anzahl an Stunden im Job. Denn wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, öffnet sich der Weg  zur deutschen Staatsbürgerschaft, falls die Akte des Geflüchteten frei von Straftaten ist.

In der Tat haben Tausende von Einwanderern in Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen diesen Weg bereits durchlaufen. In Wirklichkeit sind die meisten jedoch nicht wirklich integriert. Weder in sozialer oder kultureller Hinsicht noch in Bezug auf ihre Werte. Sie haben die Staatsbürgerschaft erhalten ohne eine Verbindung zu der Gesellschaft aufzubauen, in der sie leben. An dieser Stelle verweise ich auf einige derjenigen, die beschuldigt oder verdächtigt werden, Terroristen zu sein. Sie waren insofern “integriert” als, dass sie die Staatsbürgerschaft inne hatten.

Meiner Meinung nach gibt es nichts Wichtigeres für einen Geflüchteten, der seine Verbindung zur deutschen Gesellschaft stärken möchte, als die Werte und Traditionen dieser Gesellschaft kennen zu lernen. Dazu gehören die Feste und Feierlichkeiten, sowohl bundesweit begangene Anlässe als auch regional-Spezifisches. Das reicht bis hin zum kulturellen Leben der Kleinstädte und Dorfgemeinden. Denn für Geflüchtete ist es wichtig, sich mit dem Leben hier vertraut zu machen, und sei es auch ohne Sprachkenntnisse. Sie können beispielsweise kulturellen Veranstaltungen beiwohnen, ohne unbedingt aktiv teilnehmen zu müssen, was sie dazu motiviert, die Landessprache zu erlernen. Deutschkenntnisse sind dann eine notwendige Voraussetzung für ein Interaktion mit der Umgebung, und nicht eine juristische Voraussetzung für den Erhalt eines dauerhaften Aufenthaltstitels oder der deutsche Staatsbürgerschaft.

Dass Geflüchtete jene kulturellen Veranstaltungen miterleben können, liegt in den Händen der Kommunen und Vereine. Ich weiss um dem Druck, der auf den staatlichen Institutionen lastet, die Integration der Geflüchteten zu erreichen, ihre  Grundbedürfnisse zu erfüllen und sie entsprechend der geltenden Gesetze und Vorschriften unterzubringen. Aber diese Geflüchteten dazu zu ermutigen, die Werte und Traditionen der Menschen in Deutschland zu verstehen und sie an Feierlichkeiten wie dem Karneval und anderen historischen, religiösen und sozialen Anlässen teilhaben zu lassen, ermutigt sie auf eine indirekte Weise, ohne Zwang, sondern auf freiwilliger Basis, dazu, psychische und sprachliche Blockaden zu überwinden. Sie erhalten dadurch die Möglichkeit sich selbst von der Notwendigkeit der Integration zu überzeugen.

Vielleicht braucht es dazu ehrenamtliche Sprachmittler, oder solche, die für eine symbolische Aufwandsentschädigung arbeiten. Zum Beispiel können das Geflüchtete sein, die die Sprache bereits erlernt haben, oder Jugendliche, die durch den Schulbesuch stärker eingebunden sind.

Um es den Geflüchteten leichter zu machen, sich über Anlässe und wann und wo diese stattfinden, zu informieren,  lohnt es sich, Einladungen und Plakate um arabischsprachige Passagen zu erweitern. Dies hat auch einen psychologischen Effekt auf die Geflüchteten, da es sie darin bestärkt,  die neue, noch unbekannte Umgebung zu erkunden.

In dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, habe ich Festlichkeiten erlebt, deren Bedeutung mir unklar war, so dass ich nicht wusste, in welcher Form ich daran teilnehmen kann. Wie der Rest der Geflüchteten in diesem Dorf waren wir als Deutsch-Anfänger nicht in der Lage nachzufragen, was da gerade passiert, so dass wir den Anlass und die symbolische Bedeutung des Festes erst nach zähem Bemühen im Nachhinein herausfinden konnten.

Natürlich werden nicht alle Geflüchtete an den Anlässen teilnehmen, selbst wenn der Zugang erleichtert wird. Aber viele von ihnen werden darin eine Erleichterung empfinden, sich anzunähern, Menschen kennenzulernen und Neues zu entdecken. Dadurch entstehen Beziehungen zum Leben und zu den Menschen hier, und es kann ein Sprungbrett der Integration aus eigener Kraft sein, abseits der gesetzlichen Definition der Integration, die unter Geflüchteten verbreitet ist. Geflüchtete können auf diesem Weg nicht nur ihren gesetzlichen Status verbessern, sondern auch auf persönlicher Ebene weiter kommen, um sich eine bessere Zukunft zu sichern.

Was ich hiermit sagen will, ist, dass ich hoffe, dass dieser Punkt in Betracht gezogen wird. Genauso erwarte ich von den Neuankömmlingen, dass sie jenen Einladungen folgen und an den Aktivitäten und Festen teilnehmen.

Übersetzung: Serra Al-Deen, Mahara-Kollektiv, aldeen@mahara-kollektiv.de

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