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Ist Deutschland ein multikulturelles Land

Thomas Heyne*

Vermutlich sind wir uns alle einig darin, dass Deutschland ein Land vieler Kulturen ist. Wenn man durch die Straßen der Groß-, aber auch der Kleinstädte geht, trifft man dort auf Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und vielfältigen Lebensweisen. Die Mainstreamkultur ist geprägt von Einflüssen aus verschiedensten Teilen der Welt, offensichtlich wird das zum Beispiel in der kulinarischen Kultur und der Musik, aber auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Das passt zu der Ansicht einiger Forscher*innen, dass nämlich Kultur, also jede Kultur, immer das Produkt vielfältiger Einflüsse und Faktoren ist, die interagieren und sich vermischen. Kultur ist also immer im Wandel und folglich ist es auch nicht möglich, so etwas wie eine ursprüngliche Kultur zu definieren.

Ich werde an dieser Stelle nicht auf die zuweilen voneinander abweichenden Definitionen von Kultur eingehen, weil ich denke, dass der allgemein gängige Begriff, den wir im Alltag verwenden, hier seinen Zweck erfüllt. Er illustriert, dass das Reden über Kultur und Multikulturalität insbesondere im Kontext von Migration und Asyl Problematiken mit sich bringt, die ich für wichtig halte. Gerade wer sich für gesellschaftspolitische Themen interessiert oder engagiert, sollte sich sorgfältig damit auseinandersetzen.

Eine solche Problematik ist, dass in Diskursen über Kultur im Allgemeinen und Multikulturalität im Speziellen, implizit meistens eine homogene und mehr oder weniger ursprüngliche deutsche Kultur, anderen, vermeintlich fremden und irgendwie exotischen Kulturen gegenübergestellt wird. Zumindest ist das die Richtung, die solche Diskussionen häufig einschlagen. Und es stimmt ja auch, dass es kulturelle Phänomene gibt, wie zum Beispiel ein bestimmtes Wertesystem, die ich als deutscher Staatsbürger mit vielen anderen Deutschen jeglichen Hintergrunds teile. Auf der anderen Seite verbindet mich mit weiten Teilen der Gesellschaft eigentlich nichts außer der Nationalität, während ich oft die gleichen Interessen, Werte und Normen habe, wie meine Freunde aus und in arabischen Ländern.

Darüber hinaus läuft die Auseinandersetzung mit dem Thema Kultur in gesellschaftlichen Diskussionen immer Gefahr, in Begriffen des Selbst und des Anderen beziehungsweise „Fremden“ zu denken, wobei das Selbst und das Andere jeweils als starre und unwandelbare Kultur konstruiert wird. Das widerspricht nicht nur der bereits erwähnten kulturellen Dynamik, sondern führt zuweilen auch zu einer übertriebenen Identifizierung von Individuen mit einer solchen imaginierten Kultur.

Jede „Kultur“ besteht also letztlich aus vielen „Kulturen“. Es ist allerdings ein gewaltiger Unterschied, ob man sich mit der zufälligen alltagsweltlichen Interaktion dieser Kulturen zufriedengibt, oder Offenheit, Austausch und kulturelle Hybridisierung jenseits der imaginierten Grenzen und vermeintlichen Barrieren zelebriert. Die Frage ist, was wollen wir?

*Arabist und Übersetzer

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