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Sich selbst im Anderen erkennen: Was deutsche und geflüchtete Frauen voneinander lernen können

Von Aliaa Ahmad. 

Übersetzung: Thomas Heyne

In Deutschland genießen Frauen ein deutlich höheres Maß an rechtlicher Gleichstellung, als es in den Herkunftsländern geflüchteter Frauen der Fall ist. Sie erfahren dort nicht nur offene Diskriminierung durch Gesetze, sondern auch durch Bräuche und Gewohnheiten in ihrer Gesellschaft. Eine genauere Betrachtung beider Seiten offenbart allerdings Interessantes.

Die junge Syrerin Heba* ist seit zwei Jahren in Deutschland und geht mittlerweile auf die Universität. Sie erzählt: „Ich dachte zum Beispiel immer, dass hier alle sexuell freizügig sind. Da habe ich mich allerdings gründlich getäuscht.“ Ihre Freundin Anna meint dagegen: „Ich dachte alle verschleierten Frauen werden unterdrückt und misshandelt. Ich war total überrascht, als ich Frauen im Hidschab begegnete, die ihre eigenen Entscheidungen treffen, studieren und alleine reisen.“

Medial reproduzierte Stereotypen:

Durch die Reproduktion stereotyper Bilder tragen die Medien zur Bildung von Vorurteilen und Vorbehalten gegenüber anderen Kulturen bei. Sanaa, Hausfrau aus Syrien und seit vier Jahren in Deutschland, schildert ihr Bild von deutschen Frauen zum Beispiel so: „Ich habe Mitleid mit ihnen! Die Gleichberechtigung, auf die sie so stolz sind, hat sie ihre Weiblichkeit gekostet.“ Nach ihrer Stellung als Frau in einer orientalischen Gesellschaft gefragt, antwortet sie: „Es stimmt, ich bin nicht so frei wie deutsche Frauen, aber in unserer Gesellschaft ist die Frau eine Königin in ihren vier Wänden. Sie trägt nicht all die Verantwortung, die die Gleichberechtigung den deutschen Frauen aufzwängt.

Die „orientalische Königin“ ist eine Schimäre, aber was ist mit der deutschen Frau?

Viele geflüchtete Frauen wie Sanaa vergessen, oder übersehen geflissentlich, dass diese idealisierte „Königin“ in Wirklichkeit eine Gefangene in ihren eigenen vier Wänden ist, ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt und abhängig von demjenigen, der für sie aufkommt. Schuld daran sind Erziehung und Sozialisierung, die ihnen nicht vermitteln, wie man ein wirklich selbstbestimmtes Leben führt. Und so erleben wir, dass viele geflüchtete Frauen Zuflucht im Gebären von Kindern suchen, um nicht Deutsch lernen zu müssen, oder um zu rechtfertigen, warum sie nicht arbeiten.

Freundschaften zwischen deutschen und geflüchteten Frauen ermöglichen es zu erkennen, wie sich die patriarchale Diskriminierung ähnelt: Während die orientalischen Gesellschaften stolz sind auf ihre patriarchale Kultur, lauert sie in Deutschland hinter einer Fassade, nur um hier und da plötzlich ihr wahres Gesicht zu zeigen. Man begegnet ihr nicht nur im Arbeitsrecht. Ulrike, die in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv ist, erzählt zum Beispiel: „Bevor die Geflüchteten nach Deutschland kamen, hielt ich mich für absolut frei und selbstbestimmt. Als mehr Geflüchtete kamen und ich Freundschaften schloss, merkte ich allerdings, dass das einigen meiner Bekannten nicht gefiel. Das sind keine Nazis, aber trotzdem lehnen sie Beziehungen zwischen einer Deutschen und einem Geflüchteten ab.“

Beide Gesellschaften urteilen auf die gleiche Art über Aussehen und Verhalten von Frauen:

Komisch findet Ulrike, dass diese Leute sich scheinbar keine Sorgen um die jungen deutschen Männer machen, die Beziehungen zu geflüchteten Frauen eingehen. „Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich wäre Eigentum der Gesellschaft, Besitz, um den man Angst hat, nur weil ich eine Frau bin. Dann sind mir andere Dinge aufgefallen, die ich vorher nicht bemerkte. Wer zum Beispiel als Mann viel Erfolg bei Frauen hat, der wird von seinen Freunden beneidet. Als Mann kann er stolz darauf sein. Eine sexuell aktive Frau gilt dagegen als Schlampe.“ Der Punkt sei nicht, ob man dieses Verhalten gut fände oder nicht, sagt sie noch, es ginge darum, dass beide Gesellschaften auf Basis einer durch und durch patriarchalen Haltung über Verhalten und Aussehen von Frauen urteilen.

Für die Fanatiker unter den Deutschen und Geflüchteten stellt die Beeinflussung der Frauen durch „das Fremde“ eine der zentralen Gefahren dar, die abgewehrt werden müssen. Diese Männer missbrauchen die Frauen für ihre patriarchale Ideologie der Abschottung. Sie verkaufen ihr Gift als Sorge um „ihre Frauen“ und behaupten, sie wollen sie vor den Gefahren auf der anderen Seite beschützen. Leider übernehmen viele Frauen auf beiden Seiten bewusst oder unbewusst diese männlich-patriarchale Denkweise, ohne zu erkennen, dass sie als Frauen viel mehr verbindet als die Identitätskorsette, die die Männer erst erfinden und dann „beschützen“ wollen. Diese Frauen verkennen, wie wertvoll die Erfahrungen sein können, die aus der Auseinandersetzung mit ihrem Gegenüber auf der anderen Seite entstehen.

Wer eine funktionierende und gerechte Gesellschaft anstrebt, die die Menschenrechte aller respektiert, muss die Rechte der Frauen in den Blick nehmen. Geschieht dies nicht, wird dieses Streben lediglich Unrecht zementieren und die gesellschaftlichen Krisen perpetuieren, denn die Schlüssel für Stabilität und Fortschritt der Gesellschaften halten die Frauen in ihren Händen.

*Namen auf Wunsch der Beteiligten geändert

„Während die orientalischen Gesellschaften stolz sind auf ihre patriarchale Kultur, lauert sie in Deutschland hinter einer Fassade, nur um hier und da plötzlich ihr wahres Gesicht zu zeigen.“

„Deutsche und Geflüchtete gleichen sich in einigen durch und durch patriarchalen Denkweisen: Ein Mann, der mit vielen Frauen schläft, kann stolz darauf sein. Eine sexuell aktive Frau gilt dagegen als Schlampe. Und sie fällen aufgrund Aussehens oder Verhaltens Urteile über Frauen.“

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