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Shadi Abousada

Die unschuldige Nacht eines Geflüchteten

Es ist mitten in der Nacht. Die Uhr zeigt 1 Uhr an, der Finger der Sekunden zieht ruckend seine Kreise. Tief schlafend und laut schnarchend liegt Herr Stein im Bett auf dem Rücken, ohne zu ahnen, dass er die Ruhe der Nacht stört. Manche sagen, die Frau von dem 40-jährigen Beamten hat sich wegen seiner strengen Persönlichkeit scheiden lassen. Andere behaupten, sie sei wegen seines unerträglichen Schnarchens gegangen.

Während die Finger der Uhr ruhig ihre Runden drehen, quietscht plötzlich die Wohnungstür. Jemand hat sie blitzartig aufgeschlossen und dringt nun in die Wohnung ein. Er tritt in aller Seelenruhe herein, unvermummt, mit einem schicken blauen Anzug und geglätteten Haaren. Nun mustert er die Wohnung mit einem scharfen Messer in der rechten Hand. Langsam schließt er die Tür und geht zielstrebig zu Steins Schlafzimmer. Unvermittelt bleibt die Gestalt stehen. Es ist Ahmad, der Geflüchtete. Er steht vor der offenen Tür des Schlafzimmers und lächelt. Er wollte zu Herrn Stein. Er will sich an ihm rächen. Er hat es geschafft. Er ist hier.

Bevor Ahmad seinen Plan in die Tat umsetzt, begegnet  er in den Korridoren seines Gedächtnis den Erinnerungen an die demütigende Behandlung durch Herrn Stein, wie dieser ihn immer wieder versuchte zu erniedrigen, wie er ihn wütend ansprach und wie er jede Diskussion abbrach. Was Ahmad, der Geflüchtete, nicht vergessen kann, ist das Wort „Raus!“.

Gestern hatte er einen Termin bei Herrn Stein. Der Beamte war wie immer grob und gemein. Ahmad hatte das kaum ausgehalten, hatte sich beleidigt gefühlt und in gebrochenem Deutsch gefragt:

 “ Entschuldigung, ich bin Mensch, warum Sie machen das?“ Stammelnd hatte er weitergesprochen “Meine Freund kommt zu Herr Schmidt, er ist gut, warum Sie sind nicht so?“
Steins Hände rüttelten und schüttelten Ahmads Unterlagen, in seinem Inneren schien die Lava eines wütenden Vulkanes zu brodeln.

“Raus! Raus! Raus!” hatte Herr Stein geschrien und die Worte wie eine Eruption aus sich hinausgeworfen. Mit aufgerissenen Augen hatte Ahmad in eine neblige Szene gestarrt, schließlich hatte er seine Unterlagen an sich gerissen und war davon gerannt.

Nun steht er also in Steins Schlafzimmer. Er Erinnert sich an gestern, hebt die Hand mit dem Messer und kommt näher. Er schreit laut „Herr Stein!“

Seine Stimme wühlt sich in Steins Ohren, führt das Schnarchen ins Schweigen ab, für einen Augenblick ist die Zeit wie eingefroren. Und da öffnen sich Steins Augen, er sieht Ahmad, den Geflüchteten, der gestern noch in seinem Büro gestanden hatte. Erstaunt sieht er das Messer, noch bevor es ihn trifft. Herr Stein versucht um Hilfe zu rufen, aber kein Ton kommt aus seiner Kehle. Er versucht aufzustehen, doch sein Körper, bleischwer, bewegt sich nicht. Ahmad, der Geflüchtete, übersät Steins schweren Körper mit Messerstichen, bis eine Blutlache entsteht. Sein Durst nach Rache scheint unstillbar.

Vor Angst schreit sich Stein die Seele aus dem Leib. Peinlich springt er aus dem Bett und plötzlich wird ihm klar: Es war ein Albtraum, ein blutiger, grausamer Albtraum. Er atmet tief und fasst langsam seinen Leib an, prüft, findet keine Wunden, spürt dem Schreck nach.

Und Ahmad? In Wahrheit ist er, der Geflüchtete, gerade in diesem Moment in einer Kneipe. Ja, gestern hatte er einen Termin bei Herrn Stein. Heute schwimmt er im Meer seiner Erinnerungen. Er seufzt und weint, weint und seufzt und versucht, einen Teil seiner Schmerzen auszuseufzen. Eine Träne rollt vom rechten Auge und wandert seine Wange hinab.

Ahmad fällt um.

Mohammad Sadiq Osman

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