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Die Syrer*innen in Deutschland und die Frage der Zukunft

Von Tarek Azizeh – Übersetzung: Thomas Heyne

Deutschland hat einen Großteil der ungefähr einer Million Geflüchteten aufgenommen, die in den letzten Jahren das Mittelmeer in Richtung Europa überquert haben. Die Angaben und Schätzungen zur Zahl der Syrer*innen in Deutschland schwanken naturgemäß und sind wohl manchmal auch ein bisschen zu hoch angesetzt. Allerdings, verschiedenste Quellen zeigen eindeutig, dass die Syrer*innen in absoluten Zahlen derzeit die größte Gruppe der Geflüchteten und Asylantragsteller*innen in Deutschland stellen.

Ich glaube, man kann mit einiger Sicherheit sagen, dass unser Aufenthalt hier nicht von kurzer Dauer sein wird. Viele Syrer*innen arbeiten hart daran, die Sprachbarriere zu überwinden, und wer es wirklich will, kann es auch schaffen. Und denjenigen, die die Sprachbarriere überwunden haben, bieten sich Chancen auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere wenn sie wissenschaftliche oder berufliche Qualifikationen mitbringen; und tatsächlich gibt es viele, die bereits auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen konnten! Arbeit zu finden, bedeutet sich von der staatlichen Unterstützung emanzipieren zu können und selbständig für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Mittelfristig birgt das realistische Chancen auf ein Leben in stabilen Verhältnissen. Darüber hinaus bringt es die Möglichkeit mit sich, die Aufenthaltsgenehmigung im Rahmen der geltenden Gesetze nicht auf Basis der ursprünglichen humanitären Gründe, sondern auf Grundlage eines Arbeitsverhältnisses zu erneuern. Denn es ist anzunehmen, dass es, wenn dieser humanitäre Grund nicht mehr vorliegt, vielen Syrer*innen nicht möglich sein wird, eine neue Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, ohne bestimmte Bedingungen zu erfüllen. An erster Stelle heißt das: die Sprache beherrschen, einer Arbeit nachgehen und seinen Lebensunterhalt selber bestreiten.

Aber auch diejenigen, die nicht so gut ausgebildet oder qualifiziert sind, werden wohl nicht so bald, freiwillig oder unfreiwillig, nach Syrien zurückkehren. Denn trotz der vielzitierten internationalen Anstrengungen, eine politische Lösung zu finden, deutet nichts darauf hin, dass ein Ansatz zur Beendigung dieser humanitären Katastrophe in Reichweite wäre. Auch sie werden also auf unabsehbare Zeit in Deutschland bleiben, allerdings sollten sie nicht einfach weitermachen wie gehabt und sich darauf verlassen, dass ihnen aufgrund des Konflikts in Syrien weiterhin Asyl gewährt wird. Das wird deutlich am Beispiel der tausenden Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem Irak und anderen Ländern, die abgeschoben wurden, nachdem die Gründe für das Asyl nicht mehr gegeben waren.

Das Vorangegangene macht deutlich, dass es mittlerweile eine relativ große „syrische Gemeinde“ in Deutschland gibt, ja vielleicht entsteht sogar gerade eine „syrische Gesellschaft“ hier (und in anderen Aufnahmeländern). Für uns als Syrer*innen im Exil bedeutet dies, dass wir uns ernsthaft mit einer Vielzahl von drängenden Fragen auseinandersetzen müssen, die weit über die vieldiskutierte „Integrationsfrage“ hinausgehen. Das heißt, wir müssen uns nach Möglichkeiten umsehen, uns zu organisieren, um unsere Lebensbedingungen zu verbessern und die mit unserem neuen Leben einhergehenden Herausforderungen zu meistern. Denn wir als Gruppe, die faktisch zu einem Teil der Bevölkerung dieses Landes geworden ist, sind mehr oder weniger mit den gleichen Schwierigkeiten und Hürden konfrontiert. Insofern haben wir gemeinsame Anliegen, die wir vorantreiben und verteidigen sollten.

Die Notwendigkeit, sich zu organisieren, wird angesichts der Rolle, die das diplomatische Chor des syrischen Staates spielt noch deutlicher: Statt sich um die Belange seiner Bürger*innen zu kümmern, wie es seine Aufgabe wäre, repräsentiert es das autoritäre Regime als dessen verlängerter Arm, schützt seine Interessen und versucht sein Image aufzupolieren. Nicht zu vergessen, dass es seit Jahrzehnten im Rahmen seines „Sicherheitsauftrags“ eine schmutzige Mission erfüllt, indem es die Syrer*innen im Ausland und insbesondere die Oppositionellen unter ihnen auf Schritt und Tritt überwacht. Und auf Grundlage der Berichte aus den Botschaften wurde eine Vielzahl von Syrier*innen, die sich zum Arbeiten oder Studieren im Ausland aufhielten, bei ihrer Rückkehr von den Geheimdiensten festgenommen!

Natürlich bedeutet „sich zu organisieren“ nicht, dass man sich in homogene Viertel („Ghettos“) zurückzieht. Es bedeutet auch nicht, dass man sich von der Gesellschaft abkapselt, sei es unter dem Banner der „kulturellen Eigenheit“, oder dem Verweis auf die Unzulänglichkeiten der „Integrations“politik oder gar ihr Scheitern. In diesem Zusammenhang muss auch vor bestimmten Akteuren gewarnt werden, deren zweifelhafte Rolle darin besteht, die Neuankömmlinge in die Irre zu führen, indem sie ihre religiösen Gefühle ausnutzen und sie so letztlich ins Verderben stürzen.

Was wir brauchen sind Vereine, Vereinigungen und Zusammenschlüsse auf ehrenamtlicher Basis, in denen sich die Syrer*innen organisieren können, damit sie ihnen als Organisationen der Zivilgesellschaft eine Stimme verleihen und sich für ihre Anliegen einsetzen. Diese Möglichkeit gab es in Syrien während Jahrzehnten der autoritären Herrschaft nicht. Den Syrer*innen blieben während dieser Zeit alle Formen der Versammlung, Organisation und freien Äußerung ihrer Anliegen verwehrt. Jetzt allerdings bietet sich ihnen dank der demokratischen Freiheiten in Deutschland die großartige Chance, diese Erfahrungen zu machen. Sich vorerst selbst zu organisieren, ersetzt aber selbstverständlich nicht zukünftiges Engagement in „deutschen“ Vereinen, Vereinigungen und Gewerkschaften sowie die aktive Beteiligung an der Zivilgesellschaft und ihren Institutionen.

Auch wenn die geflüchteten Syrer*innen grundsätzlich aus einer unerwarteten Notlage heraus gekommen sind, bringt es ihnen nichts, wenn sie ihr Leben im Aufnahmeland so leben, als sei es nur ein vorübergehender Zustand. Besser wäre es, wie ein „Migrant“ zu denken, der gekommen ist, um zu bleiben, nicht wie ein „Geflüchteter“ auf der Durchreise.

Bleibt abschließend noch zu sagen: Lasst uns für unser Land leben, als würden wir morgen zurückkehren und für unser neues Heim, als würden wir für immer bleiben.

*syrischer Autor aus der Abwab-Familie

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