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Querschnitt eines Tages im Exil

Es ist ein neuer Morgen. Du öffnest das Fenster, um zu sehen, wie weit die Temperatur unter Null gesunken ist. Denn du musst dich entscheiden, was du anziehst, bevor du das Haus verlässt. Du gehst zur städtischen Schule, um „neutral“ mit Jugendlichen zu diskutieren, die von dem, was auf der anderen Seite der Welt geschieht, nur interessiert, welches Rouge Kim Kardashian bei ihrem letzten Gig aufgelegt hatte.

Was siehst du in zehn Jahren?

Du siehst mich in London leben.

Wow, Applaus, schön!!

Danke schön!

Wenn du wieder gehst, drückt dich die Last des Vielen, das gesagt wurde, und noch mehr dessen, das wegen des Alters und der Psyche der Schüler nicht gesagt wurde. Im Gehen versinkst du in deinem Schmerz, und in deinem Innern erhebt sich ein mahnender Lärm. Meine Stimme mahnt mich. Trauer, die mein Schweigen übertönt, lässt mich aufhorchen.

Die vereiste Straße vor mir verlangt meine Aufmerksamkeit. Diese Straßen sind mir nicht fremd! Der Duft der nahen Bäckerei ist verlockend. Du trittst ein und schaust dich um. Auch hier nichts, das dir sonderbar vorkommt. Das ist der Duft des Brotes aus Abu Fouads Bäckerei, der durch die Straßen des Lagers Al-Yarmouk zog!!

Wir haben 25 von deinen Lieblingsbroten mitgebracht!

Für dich, Mama, wir haben Brot im Haus!

Ja, weil du dem Duft nicht widerstehen konntest!

„Zwei Euro und Dreißig bitte.“

Du schreckst auf wie ein Schlafender, dem kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet wird. Du nimmst es, obwohl du nicht weißt, wie du es eigentlich bestellt hast, zahlst, lächelst, „tschüüüüsss“. Schon bist du wieder auf die Straße. Dir fällt eine Blume auf, die sich entschlossen ihren Weg durchs Eis bricht. Der Frühling steht vor der Tür. Ich kam her, als es Herbst wurde. Ich sollte mich inzwischen eingelebt haben. Aber dieser Morgen, so einzigartig wie er anfängt, irritiert mich. Dieses Stechen, das mir zusetzt, mich verfolgt, mich mahnt. Jetzt der lange Korridor bis zur Wohnungstür, sogar diese eine so ganz eigenartige Tür irritiert mich!

Du kommst wieder in die Wohnung und schüttest den „kardamomfreien“ Kaffee in die Maschine.

Tante Umm Ali, komm und bring deinen selbst gerösteten Kaffee mit.

Mach schon, setz den Topf auf!

Koch ihn nicht zu sehr, ich will ihn mit Schaum!

Ich mag ihn aber lieber köchelnd!

Ach geh, ich koche mir einen arabischen Kaffee. Den Kaffee meiner Großmutter!

„Tuuuuut!“ – der Kessel pfeift! Dein „kardamomfreier“ Kaffee ist fertig. Dein Brötchen. Das Eis ist draußen vor dem Fenster. Die Sonne traut sich zaghaft heraus und verschwindet wieder. Der Frühling steht vor der Tür. Das Bild scheint vollkommen. Nur ein Geräusch im Hintergrund verrät, dass etwas, wie ein Riss im Herzen, weit offen steht, als ob der Wind beide Flügel einer Tür aufgerissen hätte. Wie soll ich dieses in die Hintertür meines Herzens geschlagene Loch je reparieren?

Ich höre sie sagen: „Schaut mal, der Schnee ist weg. Ihr müsst zurückkommen!“

Diese Übersetzung ist im Rahmen der Kooperation zwischen Abwab und WDRforyou entstanden. 

Mein erster Tag in der Deutschschule

Diese Integration ist eine große Lüge!