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Gegenrede: Integration ist ein ehrliches Angebot

Von Isabel Schayani

“Diese Integration ist eine große Lüge”, lese ich im Titel, und der erlaubt es mir nicht, zu diesem Text zu schweigen. Denn diese Aussage ist meiner Meinung nach nicht nur falsch, sie ist vor allem kontraproduktiv. Vorweg muss ich sagen, dass ich die Gedanken und Texte von Ramy Al-Asheq schätze. Nicht nur, weil er, der Dichter, Schreiber, Poet und Macher, mal eben, kaum in Deutschland, aus dem Nichts eine arabische Zeitung gegründet hat (ABWAB) und vielen seiner Kollegen damit ein Forum und eine Stimme gegeben hat, sondern auch, weil ich seine Beobachtungen hier in Deutschland oft kritisch und geistreich und mithin anregend finde.

Sprache ist der Schlüssel

Ramy behauptet: 600 Stunden Sprachkurs und 60 Stunden Orientierung halte die Bundesregierung für Integration. Das sei eine von außen aufgezwungene “Eingliederung”.

Aber was kann eine Regierung mit ihren Steuergeldern Besseres tun, als Menschen, die hier leben werden, das Werkzeug beizubringen, mit dem sich alle weiteren Türen in dieser Gesellschaft öffnen werden? Was macht unser großes Vorbild USA, das Land der Einwanderer? Es steckt alle, egal ob alphabetisiert oder nicht, in Sprachkurse. Wie soll man in einem Land leben, die Kinder zur Schule schicken, mit den Lehrern beim Elternsprechtag reden, wenn man seinem Gegenüber nicht das mitteilen kann, was man denkt und nicht versteht, was der andere sagt? Wie will man die Temperatur, das gesellschaftliche Klima begreifen, wie es bereichern, wenn man sich nicht äußern kann?

Broschüren aus Hilflosigkeit

Die vielen NGO´s, unsere Zivilgesellschaft, wollen Gutes tun! Sicherlich auch, um sich selber dabei als nützlich zu empfinden. Die hilflose und wohlmöglich zuweilen bevormundende Art, sich den Neuen mitzuteilen, ist die Broschüre. Drei mal gefaltet wartet sie artig in den Regalen im Wartebereich. Das ist nicht die menschlichste Form der Kommunikation. Aber es ist der konstruktive Versuch, das Zusammenleben mit Menschen, die zu uns kommen mussten, weil sie fliehen mussten, perspektivisch zu ermöglichen. Es ist das Signal: Wir wollen mit euch zusammenleben. Sicherlich stopfen wir alle Flüchtlinge in eine Kiste und halten sie für eine homogene Masse. Dann trifft eine Broschüre, die an einen Menschen gerichtet ist, der nicht aus Damaskus, sondern vom Land kommt und noch keine Schule gesehen hat, den falschen Ton. Das passiert bestimmt. Aber es passieren eben auch Unfälle auf dem Klo, weil Menschen nicht wissen, wie sie es benutzen sollen – und tatsächliche wissen Menschen nicht, wie unser Gesundheitssystem funktioniert. Deshalb sind diese Erklärungsversuche zumindest konstruktiv. Worauf es ankommt ist, dass wir lernen müssen auf Augenhöhe zu sprechen. Das ist ziemlich schwer.

Was ist Integration?

Man kann etliches kritisieren an diesem gesellschaftlichen Großprojekt, das wir Integration nennen. Im Moment ist der Zwischenstand: Jeder 5. in Deutschland hat andere Wurzeln. Es knackt und knarzt. Es gibt Ghettos, es gibt keine Bildungsgerechtigkeit, es gibt auch gewaltsame Angriffe gegen unschuldige Neubürger. Die Reihe, die man hier aufzählen kann, ist lang. Aber: Wenn man sich anschaut, wer bei Karstadt an der Kasse steht, wie der Zahnarzt heißt und die Englischlehrerin, dann kann man nicht grundsätzlich sagen: Integration sei eine Lüge. Sie beginnt sich erst zu entfalten. Und dauert viel zu lang.

Der Autor fordert, man müsse etwas über einander wissen, Gegenseitigkeit und Respekt seien entscheidend. Da gehe ich mit. Nicht aber ohne zu sagen, dass man von einer aufnehmenden Gesellschaft nicht erwarten kann, sich selber zu verleugnen. Wenn sie in Deutschkursen, in Broschüren und auch in Texten wie diesem zum Ausdruck bringt, wie diese Gesellschaft funktioniert, dann ist das ein ehrliches Angebot, in diese Gesellschaft einzusteigen und sie mitzugestalten.

Isabel Schayani ist Redakteurin des WDR und leitet das Projekt WDRforyou.

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