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Flucht ins Leben

Von Hazem Saimouah

Vier schlimme Jahre reichten mir, um vor einer Realität zu kapitulieren, die ich nicht mehr ertragen konnte. Beirut, die Schöne, die ich so liebte, verschlang alles, was ich an Entschlossenheit und Zielstrebigkeit in mir trug. Nachdem in weiter Ferne ein Licht aufgegangen war, beschloss ich fortzugehen, um etwas zu finden, für das zu leben es sich lohnt.

Das Meer schreckte mich nicht mehr, Mutter. Manchmal ist der Tod eine Wohltat, die wir nur erkennen, wenn es uns richtig schlecht geht. Du weißt ja, dass mein Glück hell wie der Mond, aber weiter weg als der Stern Canopus* ist. Ich zerbreche nicht mehr an der Fremde, Vater, denn der Gebrochene kann nicht noch einmal gebrochen werden. Nichts von dem, was ich mir in meiner Kindheit mit dir erträumte, kann ich mehr verwirklichen. Ich bin der ferne Verwandte, der an den Zäunen zerbrach und den die Hoffnungslosigkeit so sehr ergriffen hat, dass er dir nie wieder in die Augen sehen kann.

Ja, genau das ist der Weg, den Tausende auf der Suche nach dem „Leben“ gehen. Auf der Flucht aus einem Land, in dem der Tod sich eingerichtet hat, um dessen Erde mit Leichen zu füllen. Von wo aus er die Flüchtenden sogar noch übers Meer verfolgt, um sich jeden, dessen er habhaft werden kann, zu greifen. Die Türkei war meine erste und härteste Station. Du fühlst dich dort wie ein Schaf, das den Metzger zu überzeugen versucht, dass sein Fleisch besonders schmackhaft sei, um noch vor den anderen geschlachtet zu werden. Auf den Straßen von Izmir drängen sich die Menschenhändler und in den billigen Hotels wimmelt es von Syrern. Die Cafés sind bis auf den letzten Platz besetzt, denn hier kommen die Schlepper mit ihrer im Voraus bezahlten „Ware“ zusammen. Manche versuchen, den Preis herunterzuhandeln. Die besonders Gescheiten verlangen vom Schleuser Garantien für eine sichere Reise und stellen Bedingungen, bei denen ich mich frage, wie sie je erfüllt werden sollen. Sie scheinen zu vergessen, dass sie es mit Menschenhändlern zu tun haben. Diese setzen keinen notariellen Kaufvertrag auf. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, mich mit den syrischen Vermittlern zu einigen, die uns mit Freundlichkeit und guten Manieren überschütteten, während sie versuchten, uns auszunehmen, schlossen wir schließlich eine Vereinbarung, worauf die Vorbereitung auf die Meeresüberquerung beginnen konnte. Das Geld wurde eingewickelt, um es trocken zu halten, und an der sichersten Stelle wurde das Mobiltelefon verstaut. Wir wussten ja nicht, welche Gefahren uns erwarten sollten.

Auf dem nächtlichen Weg zu einer Stelle, die im Schlepperjargon „der Punkt“ hieß, erfasste unsere Gruppe, die aus etwa vierzig „nach dem Leben Suchenden“ bestand, ein Gefühl der Freude, das seinen Höhepunkt erreichte, als wir eine Nacht in einem halbfertigen Gebäude verbrachten und der Schleuser uns statt Autos einen Reisebus schickte, der uns zum letzten, auf dem Land erreichbaren Punkt brachte. Darauf folgten drei Nächte im Freien, bei denen ich das Gefühl hatte, dass wir uns in einer Episode der Serie Lost befänden. Obwohl die syrischen Aufseher am „Punkt“ sehr darauf bedacht waren, dass wir schnell wieder aufbrachen, damit wir uns ihre Gesichter nicht einprägten, kam die Erlaubnis zum Verlassen dieses Freiluftgefängnisses erst, nachdem wir für jedes Mitglied unserer Gruppe 50 Dollar gezahlt hatten. Als wir früh am Morgen mit unseren Vorbereitungen begannen, tauchte in Sichtweite, etwa 500 Meter vor dem Uferabschnitt, von dem aus wir „in See stechen“ wollten, ein Boot der türkischen Küstenwache auf. Da die Gendarmen sich aber auf ihre Bootsmanöver konzentrierten, hatten sie uns bald vergessen und zu unserer großen Erleichterung zogen sie schließlich mit einer letzten akrobatischen Einlage ab. Das war für 400 Leute oder sogar noch mehr das Zeichen, sich wie von der Leine gelassen auf das Boot zu stürzen und in See zu stechen. Es sah aus, als würde die türkische Armee am Strand einer griechischen Insel anlanden, sagte uns später eine britische Journalistin, die uns von der Insel aus beobachtet hatte. Das war die extremste Situation, in der ich jemals Menschen erlebt habe. Dieser Ausbruch uralter Instinkte, in denen das Blut in den Adern zu gefrieren scheint, verschlug mir die Sprache. „Irgendwie erinnert nichts hier an menschliche Handlungen“, sagte ich zu einem neben mir stehenden Freund, als die Schlacht nur wenige Meter unter uns tobte. Wir beschlossen zu warten, bis sich der Sturm gelegt hatte. Dem aber entstieg eine Schar hungriger Gestalten, die, sobald sie etwas Essbares entdeckten, den „Kampf, in dem nur der Stärkere überlebt“ aufnahmen.

Nach unserer Ankunft in Griechenland sollte der weitere Weg trotz aller noch zu überwindenden Schwierigkeiten nicht nur leichter, sondern fast sogar angenehmer werden. Folgsam durchquerten wir wie ein durch Butter schneidendes Messer den „alten Kontinent“, bis wir die Grenze Ungarns, der von uns allen gefürchteten Bestie, erreichten. Die Nerven lagen blank. Dann geschah das Verbotene: Wir durchquerten den zwischen Serbien und Ungarn ausgehobenen Graben und wurden von der ungarischen Polizei gefasst. Der Gedanke, dass sich nun unsere Hoffnungen zerschlagen sollten, schnürte uns die Luft ab. Wir hatten doch nicht zwei Kontinente durchquert, um hier anzuhalten! Wir, die vor mehreren Tod bringenden Armeen geflohen waren: zuerst vor den Streitkräften des syrischen Dämons, dann vor den libanesischen Milizen, den türkischen Gendarmen, vor dem Todesengel der Ägäis, später vor der griechischen, mazedonischen und serbischen Armee. Wir waren inzwischen Fluchtexperten, sodass es keine zwei Stunden dauerte, bis wir uns aus dem ungarischen Gefangenenlager aus dem Staub gemacht hatten, um unseren Gang in die Tiefen Europas fortzusetzen. Dann kam Wien, wo wir die schon vor 70 Jahren von der syrischen Drusin Asmahan besungenen „geselligen Nächte in Wien“ erlebten. Das war meine schönste Station, bevor ich mein Ziel Deutschland erreichte.

Ich kam voller Hoffnung und zwar nicht nur auf das Land, sondern auch auf Augen, die so viel Freude ausstrahlen, dass sie mir etwas von meinen zerstörten Träumen, die mich früh altern ließen, zurückgeben könnten. Ich kam auch, um Träume zu leben. Ich sagte mir: „Wenn du je eine Frau liebst, musst du deine Träume leben, denn das wird von den Frauen mehr gewürdigt als ein gesichertes Leben. Das Leben hat dich nun mal dazu gezwungen, dich darin einzurichten.“ Glaub mir, Mutter, der Tod ist kein Freund dieses Landes. Hier ist er eher ein heimlicher Besucher, der auf leisen Sohlen kommt und wieder geht. Ganz anders als bei uns, wo er sich höchst seltsam aufführt, geradezu verrückt. So, als ob er sich der Einweisung in die Psychiatrie entziehen müsste. In die Fremde zu gehen, Vater, gehört nicht zu den Sitten und Traditionen dieses Landes. Vielleicht spüren die Anderen, dass du fremd bist, weil du dich als Fremder fühlst. Ein Gefühl, das uns leider immer mehr ergriff, schon bevor wir unsere Heimat verließen.

*Um den Canopus, den „Morgenstern“, ranken sich im Nahen Osten viele Mythen und Legenden. Von Mitteleuropa aus ist er nicht zu sehen.

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