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Ein Leben für die Laute

Von Ramy Al-Asheq

Der Komponist und Oud-Spieler Nabil Arbaain aus Syrien ist mit der ebenfalls aus Syrien stammenden Musikerin Helen Meerkhan verheiratet. Seine Frau studiert zurzeit in Portugal. Sechs Jahre lang war er in der Damaszener Kunstszene mit seiner Firma Kheima, was auf Deutsch „Zelt“ bedeutet, aktiv. Kheima half jungen, am Beginn ihrer Karriere stehenden Musikern, Kontakte zu knüpfen, um Bands zu gründen und Probenräume oder Bühnen für ihre Auftritte zu finden. Auch für die Produktion von Musikalben und deren Vertrieb in Syrien und im Ausland setzte Kheima sich ein.

Nach einem Studium am Arabischen Institut für Musik in Damaskus setzte Arbaain seine Ausbildung bei so bedeutenden Lehrern wie Askar Ali Akbar, einem berühmten Oud-Lehrer an der Hochschule für Musik, fort. Die Oud ist eine arabische Laute, die im Nahen Osten, aber auch in der Türkei und dem Iran sehr verbreitet ist. Arbaain spielte zusammen mit verschiedenen Gruppen in Syrien, wie zum Beispiel mit Djaoua, die sich auf orientalische Musik und musikalische Balladen spezialisiert hat. Arbaain war ebenfalls Mitglied des Orchesters von Professor Adnan Al-Nablusi, das vor allem klassische Musik spielt. Außerdem gab er syrischen und ausländischen Schülern Oud-Unterricht.

Der Gang ins Ausland

Nach Ausbruch der Revolution in Syrien komponierte Nabil die Melodie des Songs „Was wir brauchen, Leute“. Dieser wurde von der Gruppe Watar zu Beginn der Revolution veröffentlicht. Der Song wandte sich gegen das Willkürregime in Syrien: „Würdest du nachdenken und den Mund aufmachen, würde deine Mutter dich nicht wiedersehen. Du würdest vielleicht im eigenen Blut liegen. Vielleicht würdest du sogar deinen eigenen Namen vergessen. Erhebe dennoch deine Stimme. Erkenne, was dir wichtig ist. Das Glas der Selbstachtung ist das letzte Glas…“ Als das Risiko für Arbaain immer größer wurde und immer häufiger Agenten der Geheimpolizei in der Nähe seiner Firmenräume auftauchten, konnte er nicht länger in Damaskus bleiben. Nachdem er 2013 erfahren hatte, dass sein Name auf die Liste der vom Regime gesuchten Personen gesetzt worden war, ging er in den Libanon.

Erstes Exil… mit Musik

Während seines siebenmonatigen Aufenthalts in Beirut ließ die Musik Nabil Arbaain nicht los. Zusammen mit verschiedenen Bands veranstaltete er Konzerte und gab Kindern in Flüchtlingslagern Musikunterricht. Aber seine Lage war angespannt. Seine Frau Helen studierte in Portugal und er versuchte mehrmals, ein Visum für Europa zu bekommen – allerdings vergeblich. Schließlich ging er nach Istanbul, um es von dort aus erneut zu versuchen.

In der Türkei, in der Arbaain sieben Monate lang lebte, blieb er der Musik treu. Auch hier bemühte er sich, ein Visum für Europa zu bekommen, um seiner Frau, die sich in Portugal einer Operation unterziehen musste, beistehen zu können. Nachdem all seine Anstrengungen zu nichts geführt hatten, fasste er den Entschluss, die riskante Fahrt übers Meer auf sich zu nehmen. Arbaain hatte Glück – das Meer war ihm gnädig gesonnen und verschlang ihn im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtenden nicht. Er schaffte die Überfahrt, musste aber sein Musikinstrument zurücklassen. So konnte Arbaain nicht auf dem Wasser spielen und mit seiner Musik das rettende Ufer heranholen. Auf dem Boot war einfach kein Platz mehr für seine Oud.

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 Im Mai 2015 kam Nabil Arbaain nach Deutschland, wo er zuerst Halt in Berlin machte. Von dort wurde er in eine Erstaufnahmeeinrichtung in Brandenburg geschickt. Anderthalb Monate nach seiner Ankunft schenkte ihm ein deutscher Freund eine Gitarre. Obwohl er bis dahin kaum Gitarre gespielt hatte, nahm er an einer im Theater von Frankfurt (Oder) stattfindenden Dialogveranstaltung zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen teil. Die Gitarre mit dem Lautenplättchen spielend, präsentierte er ein Musikstück, das vielen Zuhörer ausgesprochen gut gefiel. Kurz darauf traf endlich sein eigenes Instrument aus der Türkei ein, sodass er in Berlin und Rathenow und später auch in vielen anderen deutschen Städten auftreten konnte.

„Es kommt etwas Besseres heraus, wenn Kulturen zusammenwirken“

Nabil Arbaain war endlich wieder mit seinem Musikinstrument vereint. Gleichzeitig konnte er auch seine Frau Helen Meerkhan wiedersehen. Nach langer Trennung konnte sie ihn in Berlin besuchen. Dort machte Arbaain sich daran, eine Reihe von Musikgruppen zu gründen. Eine seiner Bands ist Matar, deren Programm aus einer Mischung von orientalischer und klassischer, europäischer Musik besteht. Eine weitere Gruppe ist Singa. Sie besteht aus syrischen und deutschen Künstlern unterschiedlicher musikalischer Schulen: ein deutscher klassischer Pianist, eine deutsche Jazz-Saxophonistin und Nabil, ein syrischer Oud-Spieler. Gemeinsam versuchen sie, diese drei unterschiedlichen Musikgenres zu verknüpfen und eine gemeinsame Botschaft zu verbreiten: „Es kommt etwas Besseres heraus, wenn Kulturen zusammenwirken“, meint Arbaain. Denn die Erfahrungen der Menschen gingen in ihre Kultur ein und genau das sei es, was Neuankömmlinge anzubieten hätten. Nabil ist ebenfalls Teil des Babel-Orchesters, das von einem deutschen Komponisten mit der Absicht gegründet wurde, deutsche und arabische Musik so zu verbinden, dass die Neuankömmlinge – diesen Begriff zieht Arbaain dem Wort „Flüchtlinge“ vor – selbstkomponierte Stücke vorstellen können.

In Köln begleitete Arbaain einen syrisch-irakischen Kinderchor sowie einen professionellen deutschen Kirchenchor. Außerdem spielte er ein Konzert in Dresden, einer Stadt, die als Hochburg der Rechten in Deutschland gilt. Diese Erfahrung kommentiert er so: „In Dresden war es wichtig, den Menschen einen Eindruck von dem zu vermitteln, was Neuankömmlinge zu bieten haben, und ihnen die Kultur zu zeigen, aus der diese kommen. Ich war sehr froh, dass die Zuhörer so viele Fragen zur Oud und ihrer Geschichte stellten. Das hat mich spüren lassen, wie interessiert die Menschen waren und wie dankbar, dass ich sie mit einer ihnen bis dahin fremden Welt bekannt machte. Sie waren überrascht, von mir zu hören, dass die Oud in Syrien das populärste Instrument ist und dass die von mir vorgetragene Musik im Herzen aller Syrer einen festen Platz hat. Sie fanden es ebenfalls interessant, dass die Oud seit mehr als 4.500 Jahren bekannt ist, aber trotzdem nicht antik, sondern äußerst lebendig und aktuell wirkt.“

Folge mir, ich trage dein Zelt

Gern würde Nabil Arbaain die Aktivitäten seiner Firma Kheima in Deutschland wiederbeleben, um neu ankommende Künstler bei der Wiederaufnahme ihrer musikalischen Aktivitäten zu unterstützen. Es geht ihm darum, syrische Musiker untereinander zu vernetzen, aber auch Kontakte zu deutschen Musikern und Produktionsfirmen zu schaffen. Außerdem möchte Arbaain Musikinstrumente und Probenräume zur Verfügung zu stellen. Er denkt hier besonders an Musiker, die noch in Gemeinschaftsunterkünften wohnen und Hilfe brauchen, um zur Normalität zurückzukehren, neue Projekte anzugehen und den Deutschen ihre Erfahrungen und Kultur nahezubringen. Arbaain will so die Idee der beiderseitigen Integration vorantreiben, indem einerseits Neuankömmlinge in Austausch mit der deutschen Kultur treten und andererseits Deutsche die Kultur der Neuankömmlinge als bereichernd kennenlernen.

„Kheima, das Zelt, steht symbolisch für Flucht und ist deshalb verbunden mit Schwäche, Schmerzen und Vertreibung“, meint Nabil Arbaain. „Jetzt kommt es darauf an, es zu einem kulturellen Symbol zu machen, das für Stärke und Produktivität steht. Wir gehen damit der Auseinandersetzung mit dem Konzept Asyl nicht aus dem Weg, sondern suchen sie vielmehr. So können wir unter dem Dach des Zeltes all das präsentieren und fördern, was der Asylsuchende anzubieten hat. Es ist ein Weg, die Unwissenheit der Europäer über die Gesellschaften, aus denen die Neuankömmlinge kommen, zu beseitigen und so zum Abbau von Klischees beizutragen.“

Hilfe zum musikalischen Neuanfang

Praktisch soll Kheima so funktionieren, dass Nabil Arbaain die Bewohner von Flüchtlingsunterkünften persönlich aufsucht oder sie in anderer Form über sein Projekt informiert. Er such auch nach Sponsoren, denn sein Vorhaben braucht eine Anschubfinanzierung, bevor die Einnahmen aus Konzerten, die von neu angekommenen und deutschen Musikern gemeinsam gegeben werden, zur Finanzierung ausreichen werden. Arbaain hofft auf die Gründung multinationaler Musikgruppen, die Teil einer neuen, farbenfrohen Kulturbewegung werden. Diese solle auf dem Prinzip der Anti-Diskriminierung beruhen und auf Krieg, Schmerz und Hass mit Kunst und Ästhetik antworten.

Nabil Arbaain unterscheidet dabei zwischen Hilfe für Künstler und ihrem Empowerment: „Es gibt zwei Arten von Unterstützung: Die erste besteht in der Bereitstellung von Essen, Trinken, Kleidung und Geld. Die zweite zeichnet sich dadurch aus, dass sie Neuankömmlinge in die Lage versetzt, in einer neuen Gesellschaft zu Akteuren zu werden. Zweifellos ist die zweite Art der Hilfe besser.“ Zu den Schwierigkeiten des Integrationsprozesses meint Arbaain: „Sicherheit und Stabilität sind wichtige Aspekte der Integration. Solange Neuankömmlinge sich nicht persönlich sicher fühlen, können sie sich nicht integrieren.“ Schließlich hofft er, dass „die kulturellen und künstlerischen Projekte all derjenigen, die zwischen den Kulturen Brücken bauen und Mauern einreißen, gefördert werden“. Die Kunst biete den Menschen eine ideale Bühne, um ihre Kultur vorzustellen und aktiv auf andere Kulturen einzuwirken.

Diese Artikelserie wird in Kooperation mit WDRforyou übersetzt und veröffentlicht.

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