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Die Musik ist die Sphäre, in der ich mein Selbst und meine Wahrheit verteidige

Von Rasha Hilwi

Seit ich Ali Hassan kenne, habe ich ihn nicht gesehen, ohne dass er mindestens eine Trommel dabeihatte. Er trägt seine Instrumente bei sich, selbst wenn es dafür keinen Anlass gibt, denn er liebt es, Freunde um sich zu versammeln und mit ihnen ihre Lieblingslieder zu singen. Hassan, Musiker und Kulturaktivist, wurde 1990 im Stadtteil Tadamon nahe Damaskus geboren. Um dieses Interview zu führen, habe ich ihn in seinem Haus in Berlin besucht. Kaum komme ich herein, höre ich die Stimme von Wadih El Safi (ein libanesischer Sänger und Komponist, Anm. d. Red.). Auf dem Tisch stehen Maqluba (ein Reisgericht, Anm. d. Red.), Milch und eine Kanne heißes Wasser für den Mate-Tee. Für einige Momente entführt mich der Duft nach Damaskus.

„Zuhause hatten wir ein Kassettenarchiv“, erzählt Ali Hassan. „Am Morgen stand meine Mutter auf, um Frühstück zu machen, und hörte dabei Lieder von Fairuz und Majida El Roumi (zwei libanesische Sängerinnen, Anm. d. Red.).“ Von seinem Elternhaus kommt Hassan auf das Stadtviertel, in dem er aufwuchs: „Ich spazierte oft in Tadmon herum und hörte die Lieder von Yas Khider und Hamed Mansour (zwei irakische Sänger, Anm. d. Red.). Im Viertel wohnten auch Familien aus den Bergregionen, die Wadih El Safi und Ataaba (Musikgenre der Levante, Anm. d. Red.) hörten. All diese Schauplätze sind Musik für mich.“

Ali Hassan: “Ich bin ein Krachmacher”

Später zog Hassan mit seiner Familie nach Masyaf und schließlich nach Latakia, um dort eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu machen. Bis 2014 engagierte er sich als Freiwilliger beim Roten Halbmond. Während der Revolution arbeitete er größtenteils mit Flüchtlingen, die in Masyaf ankamen. Hassan erklärt: „Politisch war ich nie so aktiv wie im humanitären Bereich.“

Seine Liebe zur Tabla (eine Kesseltrommel, Anm. d. Red.) geht weit zurück. Er nahm sie mit auf Schulausflüge und zu Familientreffen: „Unsere Familie war sehr musikalisch. Einer meiner Onkel spielte Oud (arabische Laute, Anm. d. Red.), ein anderer Darbuka (eine Bechertrommel; Anm. d. Red.). Ich liebte es dabei zuzusehen, wie er mit seinen Fingerspitzen Rhythmen spielte.“ Bald nach Beginn der syrischen Revolution 2011 musste Hassan sein Studium verschieben: Hätte er es beendet, wäre er gezwungen worden, ins Militär einzutreten. „Damals spürte ich das Verlangen, mich von diesem Druck durch die Musik zu befreien. Ich begann Rhythmusunterricht bei meinem Freund Mohammed Shehade zu nehmen, der mich fragte: Was willst du machen? Ich antwortete: Ich bin ein Krachmacher.“

Mit Dabke in ein neues Leben

Anfang 2014 sah sich Ali Hassan gezwungen, Syrien in Richtung Istanbul zu verlassen: „Ich hatte nichts bei mir außer meinen Universitätszeugnissen und meiner Djembé (eine Bechertrommel aus Westafrika, Anm. d. Red.). Wenn es hart auf hart kommt, so sagte ich mir, sind da immer noch die Straße und die Musik.“ Kurze Zeit nach seiner Ankunft traf Hassan auf zwei Kurden, die auf der Straße Buzuk (kurdische Laute, Anm. d. Red.) spielten. Kurzerhand schloss er sich ihnen an: „Plötzlich versammelten sich Leute um uns und begannen, Dabke (ein arabischer Folkloretanz, Anm. d. Red.) zu tanzen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich das gefreut hat! So begann mein Straßenmusikerleben.“

Nach sechs Monaten in Istanbul ging Ali Hassan nach Deutschland. In einem Flüchtlingscamp lernte er den Oud-Spieler Nabil Arbaain und weitere Musiker kennen. In Beeskow veranstalteten die beiden ihr erstes Konzert, es folgten Auftritte in Berlin. Sie entschieden sich, ihrem Projekt den Namen Matar („Regen“, Anm. d. Red.) zu geben. „Wir kamen hier an und wussten nicht, dass es ständig regnet“, meint Hassan lachend. „Wir haben festgestellt, dass die Leute hier den Regen hassen, aber für uns ist er ein Segen.“

“Ob Flüchtling oder Migrant: Diese Begrifflichkeiten sind mir egal”

Im Mai 2015 zog Ali endgültig nach Berlin. Die Musik hatte da schon den größten Teil seines Lebens eingenommen: „Durch die Musik kann ich den Menschen meine Botschaft übermitteln“, meint Hassan. „Ich spreche nicht im Namen von irgendwem. Ich bin Ali und Syrer. Ob Flüchtling oder Migrant: Diese Begrifflichkeiten sind mir egal. Wir sind Bürger wie alle anderen auch. Die Musik ist die Sphäre, in der ich mein Selbst und meine Wahrheit verteidige. Das ist meine Botschaft… eine Liebesbotschaft.“

In Berlin traf Ali Hassan viele Musiker, mit denen zusammen er neue Projekte anstieß. So lernte er den Sänger Abdallah Rahhal und den Musiker Alaa Zaitouna kennen, mit denen er die Gruppe „Ayn“ („Auge“, Anm. d. Red.) gründete. Mit der Zeit gewann die Band neue Teilnehmer hinzu und änderte ihren Namen in Musiqana („unsere Musik“, Anm. d. Red.) um. Die Gruppe ist bis heute aktiv, auch wenn Hassan sie vor einiger Zeit verließ. Gelegentlich arbeitet er auch mit deutschen Musikern zusammen, wie z.B. im Rahmen der Tanzperformance „Amal“ der Kompagnie Sasha Waltz and Guests.

In Berlin hat Ali Hassan eine neue Heimat gefunden: „Was du dieser Stadt gibst, das gibt sie dir zurück. Für mich ist das Berlin von heute das Damaskus in 100 Jahren. 1945 kreisten Helikopter über dem zerstörten Berlin“, meint Hassan, „aber schau dir mal Berlin im Jahr 2017 an. Deswegen habe ich Hoffnung für Damaskus, wenn sie momentan auch schwach ist.“ Damaskus ist der Endpunkt unseres Gespräches, so wie es dessen Anfang war. Welchen Stadtteil Hassan am meisten vermisse? „Ganz Damaskus. Die Schönheit dieser Stadt ist eine reine Schönheit. Damaskus ist wie die Liebe und an der Liebe findet man nichts Hässliches.“

Aus dem Arabischen übersetzt von Benedikt Römer.

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