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Was vom Familiennachzug geblieben ist

EPA/TOLGA BOZOGLU

Von Fady Jomar, Lyriker. „Jetzt endlich kann ich den Familiennachzug beantragen.“ Das war das Erste, was mir in den Sinn kam, als die Mädchen im Zimmer riefen: „Komm, steh auf, du hast die Aufenthaltserlaubnis bekommen!“ Ein ganzes Jahr hatte ich auf dieses Papier gewartet: ein Jahr, in dem ich die Bombenangriffe auf Aleppo gezählt habe, in dem ich über die Bilder der zerstörten Häuser strich wie eine werdende Mutter über ihren Bauch. Ich spürte die Einschläge der Bomben wie das Strampeln eines Fötus in der Gebärmutter. Ich hörte die Schreie der Menschen und den Lärm der einstürzenden Häuser, hörte die Frequenz des Herzens meines Kindes und meines eigenen. Wie konnte es auch anders sein, wenn mein einziger Sohn dort feststeckte? Ein ganzes Jahr, in dem ich mir die Augenlider mit den Händen zuhalten musste, damit ich schlafen konnte. Ich fürchtete mich vor jeder neuen Nachricht aus Aleppo. Gleichzeitig war ich süchtig nach diesen Informationen und Hinweisen, auf die zu warten quälend und die zu erhalten schmerzhaft war. Ich erinnere mich an jede Welle und jeden Schritt auf dem Weg zur „Sicherheit“, als hätte ich an zwei langen Seilen gezogen, die in Aleppo endeten: eines in der Hand meines Mannes und eines in der Hand meines einzigen Sohnes. Wie drei Ertrinkende zwischen Zerstörung und Hoffnung, wenn jeder denkt, der andere sei sein Retter. Ich versuche, nicht an den Moment zu denken, wo eines dieser Seile gerissen ist. Der Moment, in dem die ganze Bedrückung und Furcht in dem einen Satz zusammentrafen: „Er wurde gestern bei einem Angriff getötet.“ In diesem Moment waren meine Muttergefühle stärker als alles andere. Ich ignorierte die Nachricht, als ob nichts passiert sei, und antwortete nur: „Und mein Sohn?“ Erleichtert atmete ich auf: „Gott hat ihn beschützt.“ Mein Mann starb, als ich in Wien war. Wie kann ...

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Der Fluch des fremden Namens

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Von Reem Rashdan Wie kann ich es akzeptieren, nach all den Jahren plötzlich mit einem neuen Namen gerufen zu werden? Mit diesem Problem sind viele Geflüchtete konfrontiert, die neu nach Europa gelangt sind. Ist es nicht schwierig genug, eine fremde Sprache, fremde Orte, eine unbekannte Kultur und Gebräuche zu erleben, ohne dass man auch noch fremde Namen und Familiennamen verpasst bekommt? Als wir ankamen und zum ersten Mal unsere Namen in lateinischen Buchstaben schreiben sollten, schrieben wir sie, wie sie auf Englisch ausgesprochen werden, ohne dabei zu berücksichtigen, dass die Aussprache mancher Buchstaben sich im Englischen und Deutschen stark unterscheidet. Dadurch bekamen viele von uns neue Namen, mit denen wir nun leben müssen, solange wir hier sind. So haben wir nicht nur unsere Heimat und unsere Identität verloren, sondern auch unsere Namen. Wir sind hier Geflüchtete in einer seltsamen Realität, in der man sich nicht dafür interessiert, wie viel Mühe sich unsere Eltern gegeben hatten, diese Namen auszuwählen. Als ob die ewigen Flüche, die unsere Namen tragen, nicht genug sind. Man erwartet von Said, dem Glücklichen, dass er immer lächelt, und von Hanan, der Liebevollen, dass sie in ihrem Herzen genug Raum hat, um noch einen weiteren Verlust zu ertragen! Unsere Namen, die viel zu unserer Persönlichkeit beitragen, sind wie kleine Gefängnisse, an deren Grenzen wir gewöhnt sind. Aber die Fremde hat sie sich ähnlich werden lassen, weder stark noch schwach. Es bleibt nur eine große Verlorenheit und die Suche nach einem neuen Ich, das die Geschichte des neuen Namens erzählt. Aus meinem Sohn Hamza wurde in der Schule und bei seinen Freunden „Hamtza“. Mein Mitschüler im Sprachkurs, ein gestandener Mann, wurde von Djouwdat zu „Yodat“. Die angesehene Familie Nadjar wurde zu „Nayar“ und der schöne junge Mann mit dem passenden Namen Wassim, der Gutaussehende, wurde kurzerhand zu „Vassim“. Also, ...

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Filme für mehr Menschlichkeit

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Menschenrechte eignen sich wie kaum ein anderes Thema, engagierte und eindrucksvolle Filme zu schaffen. Ob Indonesien oder Mali, ob Fiktion oder Dokumentation: Menschenrechtsverletzungen lassen sich in jedem Land und auf jede künstlerische Art und Weise aufdecken. Eine besonders schöne Auswahl an Filmen, die sich mit der Verletzung, aber auch der Verteidigung der Menschenrechte befassen, wurde in diesem Monat beim Human Rights Film Festival in Zürich (7. bis 11. Dezember 2016) präsentiert. Die fünftägige Veranstaltung sei ein „Plädoyer für die Menschlichkeit und ein Versuch, durch die Kraft des Kinos den Widrigkeiten der Welt etwas entgegenzusetzen“, so Festivaldirektorin Sascha Lara Bleuler. Diese Widrigkeiten, wie sie in den 20 Filmen des Festivalprogramms dargestellt wurden, reichten von Gewalt gegen Frauen in Indien über Raubbau an Natur und Menschen in China bis hin zu Folter und Ermordung politischer Gefangener in Syrien. Geschichten aus Afghanistan, Kolumbien und Nordkorea durften ebenfalls nicht fehlen. Dass der Eröffnungsfilm, Divines (2016) von Houda Benyamina, aus Frankreich kam, war ein interessanter Akzent im sonst mehrheitlich außereuropäischen Programm. Die Kurzfilmreihe The Visibility of Human Rights Violations lenkte den Blick ebenfalls auf Europa, insbesondere auf dessen Umgang mit Geflüchteten im Mittelmeerraum und innerhalb der eigenen Staatsgrenzen.   An schwierigen Themen fehlte es beim HRFF also nicht und die Diskussionen im Anschluss an die Filme waren mehr als einmal hitzig. Wir stellen unsere drei Festivalfavoriten vor. Divines von Houda Benyamina (Frankreich 2016) Die Welt der ärmeren Pariser Vorstädte ist trist, vor allem dann, wenn man wie Dounia (Oulaya Amamra) so gut wie keine Chance hat, aus diesem Milieu auszubrechen. Zwischen dem örtlichen Café, das kaum mehr als ein Bretterverschlag ist, der Striptease-Bar, in der ihre Mutter arbeitet, und der Shopping Mall, in der sie die Nachmittage mit ihrer besten Freundin Maimouna (Déborah Lukumuena) verbringt, hat Dounia nur Aussicht auf einen drittklassigen Job. Sie will ...

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Ein Orchester im Exil

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Von Wassim Mukdad, Arzt und Oud-Spieler Nach einem Jahr der Proben und Vorbereitungen gab das Syrian Expat Philharmonic Orchestra (SEPO) anlässlich der Eröffnung der Saison 2016/17 in der Berliner Philharmonie ein Open-Air-Konzert. An einem sommerlichen Tag im August versammelten sich fast 15.000 Menschen im Hof des gewaltigen Gebäudes und lauschten den Berliner Philharmonikern und dem SEPO. In letzterem spielten sechzig syrische Musikerinnen und Musiker, die mittlerweile in Europa und den USA leben, unter der Leitung des spanischen Dirigenten Mariano Domingo. Besonders die syrischen Zuhörer sehnten sich danach, in der Fremde Melodien aus der Heimat zu hören, doch es waren auch viele Musikliebhaber aus anderen Ländern anwesend. Das Konzert begann mit der Ouvertüre Unisono des deutschen Komponisten Nicolas Ruegenberg, der dieses Stück für drei Musiker komponiert hat: Shadi Maghrebi (Oud/Laute), Mohamed Fityan (Ney/Flöte) und George Ourro (Riq/Tamburin) traten in Begleitung des SEPO auf. „Der (durch den Ticketverkauf; AdR) erzielte Betrag wird an die UNO Flüchtlingshilfe gespendet“, erklärte Ruegenberg. „Obwohl mir bewusst ist, wie wichtig die Integration von Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft ist, so geht es doch hauptsächlich darum, die Ursachen zu bekämpfen, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimatländer zu verlassen. Ich glaube, dass niemand freiwillig seine Heimat verlässt.“ Es folgten die Stücke Radan – Morgen von Suad Bushnaq und Helwa ya Baladi – Du schöne Heimat, Amwaj Al-Bahar – Meeresrauschen von Jehad Jazbeh, und Warda – Rose aus dem Repertoire der syrischen Volksmusik. Anschließend interpretierte der Komponist und Geiger Maias Alyamani die Stücke Tazkira wahda ila dismasq – Fahrkarte nach Damaskus und das Volkslied Longa Nahawant. Rasha Rizq sang das Lied Ya-Touyur – Oh ihr Vögel von Mohamed El-Qasabgi, das den arabischen Gesang mit der klassischen europäischen Oper verbindet und von Nouri Al-Rahbani arrangiert wurde. Die Stücke 22 Tishreen al-Thani – 22. November und Al-urs – Hochzeit wurden von dem ...

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Die Wohnung meiner Träume

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Von Fady Jomar, Lyriker Zu guter Letzt, nach langem Warten, wurde ich als Mensch anerkannt. Die deutsche Regierung beschloss, mir eine Urkunde zu verleihen, die mir gestattet, mich für die Dauer eines ganzen Jahres auf deutschem Boden aufzuhalten. Ich habe sogar das Recht, mir eine Wohnung auszusuchen, in der ich leben kann. Ich liebe es zu planen und versinke häufig in Tagträumen. Das Jahr bis zur Entscheidung, die mich zum Menschen machte, spazierte ich durch die Straßen des Ortes, von dem die deutsche Regierung entschieden hatte, er sei für mich als Lebensmittelpunkt angemessen. Ich lief durch die Straßen der Dörfer und Städte in der Nähe, um die schönen Gegenden kennenzulernen, die vielleicht als Wohnort für mich in Frage kämen. Ich schaute in die Schaufenster der Möbelgeschäfte und begutachtete Haushaltsgeräte. Dabei hatte ich bereits mehrmals in Gedanken den Betrag ausgegeben, den ich als Starthilfe bekommen würde. Ich suchte nach den besten Angeboten, die zu meiner jeweiligen Laune passten. Einmal stellte ich mir das Dekor meiner Wohnung klassisch vor, mit hölzernen Leuchten und antiken Sesseln und Keramiktellern. Ein andermal wählte ich einen modernen Stil mit einer weichen Ledergarnitur und postmodernen Skulpturen. Warum auch nicht? Träume kosten nichts. Warum sollte ich nicht verschwenderisch leben wie ein britischer Prinz? Ich habe die Bestimmungen viele Male gelesen, denen die Wohnung entsprechen muss, die mir von der deutschen Regierung zugestanden wird. Aber nun, da ich die Aufenthaltsgenehmigung habe, fühlt es sich anders an, sie aufs Neue zu lesen. Ich rief ein Online-Übersetzungsprogramm auf, suchte Mietangebote und schwelgte weiter in Tagträumen. Zunächst suchte ich nach Wohnungen mit der vom Jobcenter festgelegten Wohnfläche, ohne Preislimit, denn „Geld ist der Dreck des Lebens und wenn ich die passende Wohnung finde, werden wir uns schon einig werden“. Zahlreiche Angebote, schöne Bilder von faszinierenden Aussichten, Flüsse und Wälder, nur wenige Schritte ...

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Alle unter einem Zelt

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Von Lilian Pithan. Das Klingende Museum in Berlin ist für seine Instrumentensammlung bekannt, für sein umfangreiches Workshopprogramm und seinen Musikgarten. Auch an diesem Novemberabend tönt es laut durch die Räume des Museums, doch das liegt zur Abwechslung mal nicht an der hohen Instrumentendichte. Mehr als 40 Personen sind gekommen, um am ersten Treffen des Musikernetzwerks „The Tent – Alkhaimeh” teilzunehmen. Mitten unter ihnen steht Nabil Arbaain, ein 35-jähriger Lautenspieler aus Damaskus, dessen Mission es ist, Einheimische und Neuankömmlinge in der Berliner Musikszene zusammenzubringen. „Berlin ist so multikulturell. Hier gibt es unglaublich viele Künstler aus verschiedenen Kulturen”, meint Arbaain. Wer hier neu sei, wisse aber oft nicht, wie er Anschluss an die Szene finden könne. „Deswegen habe ich vor einigen Monaten The Tent gegründet.” Das Zelt, auf Arabisch „al khaimeh”, ist ein uraltes Symbol nomadischer Völker und somit auch der ersten Araber. Für Nabil Arbaain ist es jetzt außerdem zu einem Symbol aller Geflüchteten geworden. In seiner Heimatstadt Damaskus hatte er 2005 einen Musikladen eröffnet, der auch schon den Namen Alkhaimeh trug, und in dessen Räumen eine Musikproduktionsfirma aufgebaut. Als die Sicherheitslage immer schlechter wurde, musste er 2014 über den Libanon und die Türkei nach Deutschland flüchten. Seit 2015 lebt Arbaain in Berlin und hat selbst als Lautenspieler schon einige Erfahrung in der städtischen Musikszene gesammelt. Mit seinem Netzwerk will er gleich mehrere Dinge erreichen: „Zum einen soll The Tent den Austausch von Sprachkenntnissen, Wissen und Instrumenten anregen. Zum anderen wollen wir Neuankömmlingen helfen zu verstehen, wie das Musikbusiness in Deutschland funktioniert und welche Gesetze man dabei beachten muss.” Für die Veranstaltung hat sich Arbaain Hilfe von zwei Organisationen geholt, die ebenfalls die Vernetzung in der Musikszene vorantreiben wollen: Das CreAid Network Berlin schlägt Brücken zwischen geflüchteten Musikern und der Musikindustrie. Der Verein Give Something Back to Berlin (GSBTB) organisiert Veranstaltungen, ...

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Brücken bauen in Berlin

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Von Christina Heuschen. „Ich suche nach Kontakten zwecks Freizeitgestaltung. Bin beruflich und privat zwar eingebunden, möchte aber meinen Horizont erweitern“, schreibt Tina aus dem Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg auf der Website von Women’s Welcome Bridge. Genau wie sie können alle Berlinerinnen hier seit November Angebote für geflüchtete Frauen einstellen, um sie in das gesellschaftliche Leben in Berlin einzubeziehen. Frauen, die nach Deutschland geflohen sind, wollen auch ankommen, doch das ist nicht immer einfach. Der Alltag in Flüchtlingsunterkünften, Sprachkurse, die regelmäßigen Besuche verschiedener Behörden oder die Versorgung der Kinder stehen im Vordergrund. Viele Dinge sind schwierig, für Freizeitgestaltung bleibt wenig Zeit. In der Tat sind die meisten geflüchteten Frauen erst einmal auf sich allein gestellt. Auch wenn es viele Angebote für Geflüchtete gibt, so ist die Zahl der Projekte, die speziell an den Bedürfnissen von Frauen ausgerichtet sind, gering. Mädchen und Frauen werden so zu einem großen Teil ausgeschlossen. „Es kann nicht sein, dass Frauen deswegen den Weg in die Gesellschaft nicht finden. Es gibt viele Frauen, die bereit sind, sie dabei zu unterstützen“, sagt Dr. Gabriele Kämper, Leiterin der Geschäftsstelle Gleichstellung der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Im letzten Jahr initiierte die Geschäftsstelle Gleichstellung das Projekt Women’s Welcome Bridge, das von dem Verein „Raupe und Schmetterling – Frauen in der Lebensmitte e.V.“ getragen wird. Women’s Welcome Bridge bringt Berlinerinnen, geflüchtete Frauen und Fraueninitiativen zusammen. Egal ob es sich um Beratungs-, Bildungs- oder Freizeitangebote handelt: Frauen kommen in Kontakt miteinander, begegnen und unterstützen sich, lernen voneinander und leben miteinander. Angebote und Gesuche können von Frauen für Frauen einfach online eingestellt werden. Seit Mitte November ist die dazugehörige Website online – zunächst nur auf Deutsch, doch in nächster Zeit sollen auch die Sprachen Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch und Türkisch hinzukommen. Dass es bereits einige Ehrenamtsbörsen und Angebote für Geflüchtete gibt, wissen ...

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Ein Nazi in Damaskus

غلاف الرواية

In seinem neuen Roman “Auge des Orients”, der im November 2016 in Beirut/Amman im Verlag des Arabischen Instituts für Studien und Publikationen erschienen ist, erzählt der syrische Autor Ibrahim Al-Jabin eine historische Kriminal- und Agentengeschichte zwischen Deutschland und Damaskus. Hauptfigur des Romans ist der Nazi-Offizier Alois Brunner, der die rechte Hand von Adolf Eichmann war und auch als “Jäger der Juden” bezeichnet wurde. Nach seiner Flucht aus Deutschland in den 1950er-Jahren lebte er über Jahrzehnte hinweg unbehelligt in Damaskus. Hafez Al-Assad ernannte ihn in den 1960er-Jahren zum militärischen Sicherheitsberater, dessen Fachgebiet unter anderem die “Judenfrage” war. Beim Aufbau des Sicherheitsapparats von Al-Assad spielte Brunner eine entscheidende Rolle. 2010 verstarb er in Damaskus, ohne jemals für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. “Auge des Orients” ist nach “Tagebuch eines Juden aus Damaskus” (2007) der zweite Roman von Ibrahim Al-Jabin. Sein Erstlingswerk löste einige Kontroversen aus, da er sich mit gleich zwei Tabuthemen befasste: zum einen mit der Geschichte der Juden von Damaskus, zum anderen mit der Beziehung zwischen der Al-Qaida-Führung und dem syrischen Geheimdienst. Abu Qaqaa, einer der Protagonisten von “Tagebuch eines Juden aus Damaskus”, wurde sechs Monate nach Erscheinen des Buchs in Aleppo ermordet. Er war schon früh einer der führenden Anwerber der Milizen an der syrisch-irakischen Grenze, die erst Jahre später als Islamischer Staat international in Erscheinung traten. محرر الموقع http://abwab.eu/

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„Fremdenfeindlichkeit steckt in jedem von uns“

Foto: Stephan Roh

Von Lilian Pithan. Die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina ist die wichtigste Fürsprecherin von Geflüchteten, Binnenvertriebenen und Arbeitsmigranten in Russland. 1990, kurz nach dem Ende der Sowjetunion, gründete sie die NGO „Zivile Unterstützung“, die Geflüchteten juristischen, medizinischen und psychologischen Beistand leistet, Russischunterricht anbietet und bei der Arbeitsvermittlung hilft. Sie ist außerdem Gründerin und Leiterin des Netzwerks „Migration und Recht“ der internationalen Menschenrechtsorganisation Memorial. Im Oktober 2016 wurde Gannuschkina für ihr langjähriges Engagement mit dem „Right Livelihood Award“, auch als Alternativer Nobelpreis bekannt, ausgezeichnet. Wir haben Swetlana Gannuschkina im Oktober beim Frühstücksempfang der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin zum Gespräch getroffen. Sie setzten sich seit Ende der 1980er-Jahre für Geflüchtete und Binnenvertriebene ein. Was hat Sie damals zu diesem Engagement bewegt? Manchmal gibt es einfach Situationen, in denen man vor einem Problem steht und nicht länger die Augen davor verschließen kann. So war es damals: Die Flüchtlinge waren da, der Staat wusste nicht, wie er mit ihnen umgehen sollte, und wir haben unsere Augen nicht verschlossen. In der Sowjetunion hatte es ja per definitionem keine Flüchtlinge geben können. Migration gab es natürlich, aber die lief immer auf Initiative des Staates. Als die Sowjetunion auseinanderbrach, kam es für die Machthaber völlig unerwartet zu blutigen Konflikten (unter anderem in Armenien, Aserbaidschan und später in Tschetschenien; AdR), die in der Folge massive Flüchtlingsströme auslösten. Die Regierung wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Michail Gorbatschow und andere dachten, dass sich die Sache schnell von alleine regeln würde. Wir aber verstanden, dass dieses Problem uns über Jahre begleiten würde. Damals hatten wir erstmals die Möglichkeit, uns in einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation zu organisieren, was in der Sowjetunion noch nicht möglich gewesen war. So ist dann auch das Komitee „Zivile Unterstützung“ entstanden. Seit den 2000er-Jahren hilft ihre Organisation auch Arbeitsmigranten. Sehen diese sich den gleichen Hindernissen gegenübergestellt wie Geflüchtete?   ...

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Die Stimme der Exilliteratur

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Von Lilian Pithan. Sind Texte „aus Deutschland“ immer auf Deutsch und von Deutschen geschrieben? Natürlich nicht, möchte man dem Fragesteller lakonisch entgegnen und ihn gleichzeitig für die Einfachheit seiner literarischen Weltanschauung rügen. Doch so simpel, wie die Frage auf den ersten Blick erscheint, ist sie nicht. Auch wenn ein Text „aus Deutschland“ von einer Nigerianerin, einem Jemeniten oder einer Indonesierin auf Englisch, Arabisch oder Bahasa Indonesia verfasst sein könnte, entspricht das doch im globalisierten 21. Jh. immer noch nicht der Erwartung der meisten Leser. In diesem Sinne ist dem Schweizer Secession Verlag mit der im Oktober erschienenen Anthologie Weg sein – hier sein ein kleiner Coup gelungen: Der von dem deutschen Journalisten und Verleger Joachim von Zepelin konzipierte Band trägt den Untertitel „Texte aus Deutschland“ und versammelt zwischen rotgrünen Buchdeckeln Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichte von 19 Autoren, die in den letzten Jahren aus Syrien, dem Jemen und dem Iran nach Deutschland geflüchtet sind. Viele der Texte sind im deutschen Exil entstanden und wurden dank einer Förderung des Deutschen Literaturfonds aus dem Arabischen und dem Farsi ins Deutsche übersetzt. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich intensiv mit der Erfahrung von Flucht und Exil beschäftigen. Der Blickwinkel von Schriftstellern, die viel tiefer als andere Menschen in ihrer jeweiligen Sprache und Kultur verwurzelten sind, ist in diesem Rahmen ein gänzlich anderer und oft bei weitem facettenreicherer. Mit er Anthologie wolle man eben diese „Stimme der Literatur“ in der Flüchtlingsdebatte hörbar machen, so der editorische Ansatz von Joachim von Zepelin und seiner Mitstreiterin Christine Thalmann. Das Themenspektrum von Weg sein – hier sein ist dementsprechend ein weites und nicht wenige Texte befassen sich stärker mit den Erinnerungen an die Heimat als mit dem unmittelbaren Erleben des Exils. Zu den syrischen Autoren der Anthologie gehören Rasha Abbas, Ayham Agha, Ramy Al-Asheq, Assaf Alassaf, Mohammad ...

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