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Warten auf den Gang zur Wahlurne

Von Fady Jomar

Parlamentswahlen oder, wie sie in Syrien hießen, „Wahlen zum Volksrat“, waren niemals etwas, dem der einfache Bürger des Landes besonderes Interesse schenkte. Denn über die Jahrzehnte setzte sich bei ihm die Überzeugung fest, dass die Wahlsieger schon feststanden, bevor die Kandidaten überhaupt gekürt waren, und dass diese dann lediglich als Claqueure für „historische Reden“ dienten. Keiner von ihnen hätte in der schlechten Lebenslage der Syrer je etwas vorangebracht oder verlangsamt.

Der Wahlkampf, sofern er diese Bezeichnung überhaupt verdiente, bestand lediglich aus Lobgesängen, Redefestivals und Trommelwirbel. Der Wähler in Syrien bekam niemals ein tatsächliches Wahlprogramm oder klare Pläne konkurrierender Kandidaten vorgelegt, um eine seinen Überzeugungen und Interessen entsprechende Wahl treffen zu können.

Insofern gingen die Menschen mit solchen Wahlen und den von Slogans und Bildern in den Straßen begleiteten Kampagnen, der Verkündung der Ergebnisse und den Sitzungen der designierten Abgeordneten ziemlich leichtfertig und sorglos um. All das war für sie eher Anlass zu Spott, eine unerschöpfliche Quelle für Witze, die allen unterdrückten Völkern dazu dienen, die zu schluckende Bitternis zu mildern.

Rein zufällig fiel die Ankündigung des Regimes, Kandidaten für Wahlen zum Syrischen Volksrat aufzustellen, in die Zeit des Beginns der Parlamentswahlen in drei deutschen Bundesländern, die sich für die Festlegung der Politik in der Frage der künftigen Rolle Deutschlands in Europa und den damit verbundenen Belastungen sowie dem Umgang der Bundesregierung mit dem äußerst komplizierten und bei den Deutschen umstrittenen Thema der Flüchtlinge als entscheidend erweisen.

Abgesehen von allen Auswirkungen dieses Themas war interessant, wie stark das Interesse der Syrer an diesen Wahlen und ihren Ergebnissen war, und zwar nicht nur bei den nach Deutschland geflüchteten Syrern, sondern auch bei ihren Verwandten in Syrien, der Türkei, im Libanon und Jordanien. Denn dort warten zehntausende, wenn nicht hunderttausende, auf eine Familienzusammenführung. Das ist eine rein humanitäre Sache, die das Schicksal zigtausender Familien und Flüchtlinge entscheidet und zur Geisel der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland wurde. Zweifellos wird dieses Thema zu einer der wichtigsten Karten, die von deutschen Politikern gegenüber ihren Wählern gespielt werden.

Somit haben wir nun folgendes surreale Bild: Während die syrischen Flüchtlinge und ihre auf Familienzusammenführung wartenden Angehörigen die Ergebnisse der Wahlen in Deutschland verfolgen, sind ihnen die in ihrem eigenen Land veranstalteten Wahlen ziemlich egal. Der heutige Urnengang in Deutschland wird ihr Schicksal und das ihrer Familien bestimmen. Sollten Parteien, die sich gegen Flüchtlinge aussprechen und ihnen gegenüber einen rigiden Kurs fahren, gewinnen, wäre das für die Geflüchteten ein schmerzliches Ergebnis, denn die ohnehin schon komplizierte Familienzusammenführung würde noch schwieriger, wenn nicht sogar völlig gestoppt.

Die CDU oder, wie sie von den meisten Geflüchteten genannt wird, die „Merkel-Partei“ und andere Parteien, wie die Grünen, haben heutzutage für die Flüchtlinge generell und speziell für die aus Syrien eine wesentlich größere Bedeutung als die Parteien ihres eigenen Landes. Egal ob es sich nun um die alte Partei handelt, die über Jahrzehnte mit eiserner Hand geherrscht hat, oder um neue Parteien, die abgesehen von deren Gründer, seiner Familie und vielleicht ein paar Freunden, keiner kennt.

Die Tatsache, dass die Syrer selbst hilflos den Wahlurnen sowohl in Syrien als auch in Deutschland fernbleiben müssen, macht die surreale Szenerie und ihren peinigenden Schmerz vollkommen. Bei den Wahlen in Syrien hat ihre Stimme kein Gewicht, denn auch dieser Urnengang bietet das seit Jahrzehnten gewohnt lachhafte Bild, und die Ergebnisse werden erneut nichts an der bitteren Realität im Land ändern. Welche Rolle soll ein paralysierter Volksrat oder „Marionettenrat“, wie viele ihn nennen, wohl jetzt spielen, wo das Land am Rande des völligen Zusammenbruchs steht, wenn er nicht einmal vor der Revolution, als das Regime alle Lebensbereiche kontrollierte, irgendwelche Befugnisse hatte?

Bei den anderen Wahlen, denen in Deutschland, haben die Syrer keine Wahlmöglichkeit und keine Stimme. Ihnen bleibt nichts weiter übrig, als mit einem Gemisch aus Sorge oder gar Angst auf die Ergebnisse eines Demokratiespiels zu warten, bei dem sich der deutsche Wähler erst einmal um seine eigenen Interessen kümmert und der Flüchtling keine Möglichkeit hat, Einfluss zu nehmen, sondern auf die Gnade des Wählers und die Spiele und Kräfteverhältnisse der Politik angewiesen ist, um zu erfahren, ob er weiterhin in diesem Land leben darf oder vielleicht auch, ob er seine Kinder eines Tages wieder sieht.

Vielleicht kommt einmal der Tag, an dem die Syrer auf die Wahlen im Asylland Einfluss nehmen können. Vielleicht kommt auch der Tag, an dem sich die Syrer auf Wahlen in ihrer Heimat mit dem Gefühl freuen können, dass ihre Stimme zählt. Bisher aber können sie nur sehnsüchtig den Völkern, die sich mit ihrem Wort einbringen dürfen, zusehen. Sie schreien aus den Zelten der Flüchtlinge, die entweder an den Grenzen der freien Welt oder den Grenzen ihres Heimatlandes festsitzen, gegen den Sturm an, bekommen aber nur die Antwort: Ihr habt heute keine Stimme und morgen auch nicht. Ihr müsst warten.

Die Übersetzung ist aus einer Kooperation zwischen WDRforyou und Abwab entstanden.

 

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