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أرشيف الوسم : Migrantentagebuch

Migrantentagebuch, erster Eintrag: Heimat

Von Marwa Abidou „Was bedeutet Heimat?“ Diese Frage schien mir immer sehr verdächtig. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich an meine geduldigen Versuche, eine Antwort dafür zu finden. Nur für den Augenblick schien mir die Antwort vernünftig zu sein. Zu schnell erhält sie neue Fragezeichen, die sich ihren Vorgängern anschließen. Als ich noch ein Kind war, war die Umarmung meiner Mutter das größte und einzige Zuhause, aber leider war es nicht immer verfügbar. Als ich älter wurde, war die Stimme meines Vaters und sein Lachen mein Zuhause. Diese füllten unser kleines Haus immer mit Freude und Frieden. Leider entriss der Tod ihn mir plötzlich. Mit dem Erreichen des Jugendalters wurde auch meine Suche nach einer Heimat größer. Ich fand sie, in den Momenten, in denen ich spürte, dass meine Freunde mich, so wie ich bin, akzeptierten. Die Begleitung meiner Freunde blieb nicht lang. Das Leben verstreute uns. Ich entwickelte mich weiter sowie auch die Frage – und meine Entschlossenheit verstärkte sich, eine Antwort zu bekommen. Die Heimat war nicht mehr in meinem Leben anwesend. Eines Tages beschloss ich, alles zu überdenken, was ich zufällig von meiner Familie erbte: meinen Namen; die Namen meiner Vorfahren, die ich nicht kenne; meine Religion, die mein Herz immer schmerzte; meine Heimat, die sich auf ein Land zu reduzieren schien. Mein Überdenken führte dazu, dass ich alles infrage stellen musste. Alles erschien mir sehr verengt, zu verengt. Ich musste raus – entschied mich zu gehen. Ich stand lange vor der Weltkarte aus künstlich hergestellten Grenzen und versuchte einen Rahmen für meine Heimat zu finden. Ich wollte eine Heimat, die meine Fragen und meine Verwirrung akzeptieren kann. Eine Heimat, in der ich nicht gezwungen bin, zwischen meinem Leben und seinem Leben zu verhandeln. Ich träumte von einer anwesenden Heimat, in der ich leben kann, die ich ...

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Migrantentagebuch, vierter Eintrag: Zwischen hier und dort

Von Marwa Abidou Das Mittelmeer trennt zwei Welten voneinander Zwei verschiedene und ähnliche Welten. Das Mittelmeer trennt sie voneinander und bringt sie manchmal zusammen. Das hartnäckige Mittelmeer lehnt die Vermittlung dazwischen ab. Wer zwischen den beiden Welten kreuzen will, hat nur zwei Möglichkeiten: entweder den Luxus, den nicht jeder hätte, auf eisernen Flügeln darüberzufliegen, oder den Zwang, mit der Hoffnung aufs Überleben, sein Leben auf dem Meer zu riskieren. Dazwischen hängen vergessene Bilder und sich wiederholende Szenen, die sich nur durch die Farben der Hintergründe, die Stimmen der Akteure und die Farbe des dominierenden Angstgeruches unterscheiden. Bei mir blieben die beiden Welten in meinen Erinnerungen hängen: Manche Bilder von hier und manche von dort – ich stehe dazwischen still, bewegungslos und ohne Zeitgefühl. Hier Ich erinnere mich an eine neue Art von Glück, die ich hier erlebt habe, als ich zum ersten Mal den weißen Schnee vom Himmel fallen sah. Das gleiche Gefühl formte sich jedes Jahr wieder, wenn ich die Gerüche des Frühlings spürte und die neuen Farben der Bäume sah sowie wenn ich die unerwarteten heißen Sommermomente im Norden erlebte. Mein Gedächtnis enthält von hier mehrere Bilder von unbekannten Kindern, die mich unschuldig anlächelten, wenn wir uns zufällig auf der Straße trafen. Das Bild meiner alten Nachbarin hier taucht oft in meiner Erinnerung auf. Eine Frau, die mich immer mit einem Lächeln und vielen Geschichten über ihre Kinder und ihren langen Lebensweg getroffen hat. Sie war an Alzheimer erkrankt. Letztes Mal sah ich sie vor dem Aufzug im Haus. Sie lächelte mich wie immer an und sagte: „Ich erinnere mich nicht an dich, vergib mir. Es ist der Fluch der Krankheit, aber mein Herz erinnert sich an gute Gefühle in deiner Anwesenheit!“ Ein paar Stunden danach entschied sie sich, Abschied von unserer Welt zu nehmen. Dort Im Laufe der ...

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Migrantentagebuch, dritter Eintrag: Schwarz & Weiß

Von. Marwa Mahdi Abidou Wenn du dich entscheidest zu gehen, machst du einen bewussten Schritt, deine alte Welt zu töten, und gibst deinem Geist einen neuen Weg. Die Farbe der alten Welt wird im Laufe der Zeit verblassen, und die Merkmale des neuen Weges werden im Gegenzug deutlicher. Du versuchst, weiter dazuzugehören, dich in dem neuen Weg zu „integrieren“, aber du kannst es nicht ganz schaffen, denn es gibt Dinge, die zwischen den zwei Welten hängen bleiben. Solche Dinge gewinnen jedes Mal an Bedeutung, besonders in dem Moment, in dem du dir vorstellen kannst, dass du unter ihnen kein Fremder mehr bist. Der schwarze Mann im Keller: Nach langem Suchen nach einem warmen Zuhause, um dem Winter der kalten Stadt zu entfliehen, traf ich eine alte Frau, die nach einer Mitbewohnerin suchte, um die Einsamkeit in ihrem großen Haus bewältigen zu können. In unserem ersten Gespräch zeigte die Frau großes Interesse, das Leben auf der anderen Seite des Mittelmeers zu entdecken. Sie fragte mich nach dem Sand auf den Straßen unseres Landes, nach den Kamelen als Verkehrsmittel sowie nach den wilden Nilkrokodilen. Sie war einverstanden, mich in einem Zimmer in ihrem Haus wohnen zu lassen. Als Gegenleistung dürfte ich niemanden zu mir einladen, müsste den Müll täglich rausbringen, wöchentlich das Haus putzen und ihr monatlich eine bestimmte Summe zahlen. Wie vereinbart kehrte ich am nächsten Tag mit meinen Koffern und großer Hoffnung zu ihr zurück. Ich klopfte an die Tür und wartete lange, bis sie nur ein paar Zentimeter ihrer Tür öffnete. Sie entgegnete ohne zu zögern: „Sie können bei mir nicht wohnen. Meine Tochter hat Angst um mich vor den Schwarzen“. Dann schloss sie schnell die Tür, bevor ich ihre Wörter verstehen konnte. Es war ein sehr kalter Moment – fast so als könne ich meinen Körper nicht mehr ...

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