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أرشيف الوسم : Marwa Mahdi Abidou

Migrantentagebuch, erster Eintrag: Heimat

Von Marwa Abidou „Was bedeutet Heimat?“ Diese Frage schien mir immer sehr verdächtig. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich an meine geduldigen Versuche, eine Antwort dafür zu finden. Nur für den Augenblick schien mir die Antwort vernünftig zu sein. Zu schnell erhält sie neue Fragezeichen, die sich ihren Vorgängern anschließen. Als ich noch ein Kind war, war die Umarmung meiner Mutter das größte und einzige Zuhause, aber leider war es nicht immer verfügbar. Als ich älter wurde, war die Stimme meines Vaters und sein Lachen mein Zuhause. Diese füllten unser kleines Haus immer mit Freude und Frieden. Leider entriss der Tod ihn mir plötzlich. Mit dem Erreichen des Jugendalters wurde auch meine Suche nach einer Heimat größer. Ich fand sie, in den Momenten, in denen ich spürte, dass meine Freunde mich, so wie ich bin, akzeptierten. Die Begleitung meiner Freunde blieb nicht lang. Das Leben verstreute uns. Ich entwickelte mich weiter sowie auch die Frage – und meine Entschlossenheit verstärkte sich, eine Antwort zu bekommen. Die Heimat war nicht mehr in meinem Leben anwesend. Eines Tages beschloss ich, alles zu überdenken, was ich zufällig von meiner Familie erbte: meinen Namen; die Namen meiner Vorfahren, die ich nicht kenne; meine Religion, die mein Herz immer schmerzte; meine Heimat, die sich auf ein Land zu reduzieren schien. Mein Überdenken führte dazu, dass ich alles infrage stellen musste. Alles erschien mir sehr verengt, zu verengt. Ich musste raus – entschied mich zu gehen. Ich stand lange vor der Weltkarte aus künstlich hergestellten Grenzen und versuchte einen Rahmen für meine Heimat zu finden. Ich wollte eine Heimat, die meine Fragen und meine Verwirrung akzeptieren kann. Eine Heimat, in der ich nicht gezwungen bin, zwischen meinem Leben und seinem Leben zu verhandeln. Ich träumte von einer anwesenden Heimat, in der ich leben kann, die ich ...

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Migrantentagebuch, dritter Eintrag: Schwarz & Weiß

Von. Marwa Mahdi Abidou Wenn du dich entscheidest zu gehen, machst du einen bewussten Schritt, deine alte Welt zu töten, und gibst deinem Geist einen neuen Weg. Die Farbe der alten Welt wird im Laufe der Zeit verblassen, und die Merkmale des neuen Weges werden im Gegenzug deutlicher. Du versuchst, weiter dazuzugehören, dich in dem neuen Weg zu „integrieren“, aber du kannst es nicht ganz schaffen, denn es gibt Dinge, die zwischen den zwei Welten hängen bleiben. Solche Dinge gewinnen jedes Mal an Bedeutung, besonders in dem Moment, in dem du dir vorstellen kannst, dass du unter ihnen kein Fremder mehr bist. Der schwarze Mann im Keller: Nach langem Suchen nach einem warmen Zuhause, um dem Winter der kalten Stadt zu entfliehen, traf ich eine alte Frau, die nach einer Mitbewohnerin suchte, um die Einsamkeit in ihrem großen Haus bewältigen zu können. In unserem ersten Gespräch zeigte die Frau großes Interesse, das Leben auf der anderen Seite des Mittelmeers zu entdecken. Sie fragte mich nach dem Sand auf den Straßen unseres Landes, nach den Kamelen als Verkehrsmittel sowie nach den wilden Nilkrokodilen. Sie war einverstanden, mich in einem Zimmer in ihrem Haus wohnen zu lassen. Als Gegenleistung dürfte ich niemanden zu mir einladen, müsste den Müll täglich rausbringen, wöchentlich das Haus putzen und ihr monatlich eine bestimmte Summe zahlen. Wie vereinbart kehrte ich am nächsten Tag mit meinen Koffern und großer Hoffnung zu ihr zurück. Ich klopfte an die Tür und wartete lange, bis sie nur ein paar Zentimeter ihrer Tür öffnete. Sie entgegnete ohne zu zögern: „Sie können bei mir nicht wohnen. Meine Tochter hat Angst um mich vor den Schwarzen“. Dann schloss sie schnell die Tür, bevor ich ihre Wörter verstehen konnte. Es war ein sehr kalter Moment – fast so als könne ich meinen Körper nicht mehr ...

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Migrantentagebuch, zweiter Eintrag: „Klang des Stempelns“

Was bedeuten Einreisestempel? Von. Marwa Mahdi Abidou Alle Grenzen, die ich in meinem Leben erlebt habe, blieben verschwommen: die Grenze zwischen meiner Freiheit und der Freiheit der anderen, zwischen der Privatsphäre und der Öffentlichkeit, zwischen Trauertränen und Freudentränen, zwischen Liebe und Hass, Traum und Realität. Sogar die Grenze zwischen Tod und Leben. Nur die politischen Grenzen blieben klar, schwer und hart. Ihre Härte wurde intensiver, sobald ich mich ihnen näherte und besonders als ich mich entschied, sie zu überqueren. Die Grenzen haben sich verstreut und fanden sich in der Brutalität der Flughäfen wieder sowie an den Eingängen des Checkpoints, am Stacheldraht, an den Rändern der Mauern und vor allem an den Klängen des Stempelns. Nur sie können beschließen, wer die Grenze kreuzen darf und wer nicht. Die Abreise: Die Entscheidung, meine Grenze hinter mir zu lassen, zwang mich, andere Grenzen zu überqueren und dem Klang der Grenzstempel entgegenzutreten. Ich nahm einen Koffer, viele Erinnerungen, schloss die alte Tür und beschloss, meinen Weg zu verlassen, um einen anderen auf der anderen Seite des Meeres zu beginnen. Das Flugzeug flog früh am Morgen vom Ostufer nach Westen ab. Ich schaute aus einem kleinen Fenster neben mir und versuchte mich von den Erinnerungen sowie von den alten Jahren zu verabschieden. Ich fühlte den tiefen Schmerz, als ob alle Sehnen, die mich immer mit anderen Augen verbunden hatten, abgeschnitten wurden. Dieser Schmerz, mein Verblassen von einem Ort zu akzeptieren, an den ich seit Jahren gewöhnt bin. Ein Gefühl, wie der Angst zu gehorchen oder die Fäden eines Traumes zu fangen, der allein die Regeln des Spiels beherrscht. Diese schreckliche Leere, die dich an dem Moment der Abreise kontrolliert, als ob alle deine Gefühle entzogen wären. Plötzlich spürst du nichts mehr und erreichst den Nullpunkt. Einreisestempel: Das Flugzeug landete. Ich ging in die fremde Eingangshalle ...

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