Newton: Zwischen Demokratie und Wirklichkeit

© Drishyam Films

Von Lilian Pithan. Wie organisiert man Wahlen in der größten Demokratie der Welt? In “Newton”, der im Forum der diesjährigen Berlinale läuft, lässt Amit V. Masurkar seinen gleichnamigen Protagonisten durch den indischen Dschungel stapfen, um mitten im Nirgendwo freie und gerechte Wahlen abzuhalten. Doch Newton hat die Rechnung ohne korrupte Armeeoffiziere, gewaltbereite Maoisten und desinteressierte Adivasi gemacht.

Von Lilian Pithan

Nutan Kumar (Rajkummar Rao) hat es nicht leicht im Leben: Als ob sein komischer Name nicht schon genug der Strafe wäre, wird er auch noch für seine Ehrlichkeit von allen Leuten ausgelacht. Warum sich auf Regeln und Ehrbarkeit berufen, wenn man in einem so chaotischen und korrupten Land wie Indien lebt? Während Familie und Vorgesetzte ihm seine Prinzipienreiterei vorhalten, geht Nutan joggen und stürzt sich in seinen Job als Kommunalbeamter. Kurzerhand ändert er seinen Namen in „Newton“ um und meldet sich als Freiwilliger zur Durchführung der nächsten nationalen Wahlen. In einem Land, das wie Indien knapp 814,5 Millionen Wahlberechtigte zählt, sind diese regelmäßig eine logistische Herausforderung der Superlative.

Im Hinterland von Chattisgarh

So lernt Newton, wie man Wahlkabinen aufbaut, eine Wählerliste führt und sich vor gewaltbereiten Maoisten schützt. Denn da fangen die Probleme mit dieser Wahl schon an: Newton wird dem Wahlbezirk Kandanar im Hinterland von Chattisgarh zugeteilt, einem Bundesstaat in Zentralindien, der in weiten Teilen von Wäldern bedeckt ist. Weil sich unter dem Gehölz reiche Mineralvorkommen verstecken, hat sich über viele Gegenden ein engmaschiges Netz aus korrupten Lokalpolitikern, Mafiabanden und Bergbaufirmen gelegt. Außerdem ihre Finger im Spiel haben kommunistische Kampftruppen, die mit Gewalt und Terror einen Staat im Staate Indiens errichtet haben. Am meisten leidet darunter die indigene Bevölkerung, in Indien als „Adivasi“ bezeichnet, die in kleinen Stammesgesellschaften in den Wäldern leben, wenig Zugang zu Wasser und Strom, Bildung und medizinischer Versorgung haben und im politischen System von keiner Partei repräsentiert werden.

Die Maoisten machen den Wahlhelfern in Amit V. Masurkars Spielfilm Newton am meisten Sorgen. Wie sollen sie mitten im Dschungel eine Wahl abhalten, wenn jederzeit ein maoistischer Überfall droht oder man sich doch zumindest eine Malariainfektion einfangen kann? Was nach einer Steilvorlage für eine Tragödie klingt, kleidet sich bei Masurkar in komödiantische Szenen zwischen Aktenbergen und Unterholz. Untermalt wird die Dschungelpirsch von einem unglaublich guten Soundtrack, der zwischen der melodischen Leichtigkeit einer politischen Komödie und der beatgetriebenen Spannung eines politischen Krimis changiert.

Hehre Ideale in einer ungeordneten Realität

Newton erscheint gleich zu Beginn des Films als liebenswerter Sonderling, der nicht nur sein Land aus dem Sumpf ziehen will, sondern auch privat konsequent ist: Die Hochzeit mit einer Minderjährigen, die seine Eltern arrangiert haben, schlägt er aus. Sozial brenzlige Themen dieser Art reißt Masurkar nur gelegentlich an, das große Thema seines Films ist die Kluft zwischen den hehren Idealen der demokratischen Republik und deren Umsetzung in einer komplexen Realität.

Newton, der laut eigener Aussage nur deshalb dem Bezirk Kandanar zugeteilt worden ist, weil er „keine politische Meinung in Bezug auf die Maoisten hat“, folgt unbeirrbar den Regeln seines Wahlhelferhandbuchs. Dazu muss er sich zuerst gegen den korrupten Armeeoffizier Atma Singh (Pankaj Tripathi) durchsetzen, der mit seiner Einheit für die Sicherheit der Wahlhelfer verantwortlich ist und die ganze Aktion am liebsten abblasen würde. Singh misstraut den Einheimischen, die er allesamt für blutrünstige Maoisten hält, und würde am liebsten auch Wahlhelferin Malko (Anjali Patil), die einzige Adivasi im Team, aus seinem Einflussgebiet verbannen. Doch Newton setzt sich mit seiner beharrlichen Art durch und zwingt den Offizier schließlich, acht Kilometer durch den Dschungel zu stapfen, um in einer verlassenen Siedlung sein Wahllokal aufzubauen.

© Drishyam Films

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Doch von den 76 wahlberechtigten Adivasi lässt sich niemand blicken. Als die Soldaten die Einheimischen schließlich mit Gewalt zum Wahllokal schleppen, um vor den Kameras indischer und ausländischer Journalisten gut auszusehen, droht Newton den Glauben an das demokratische System zu verlieren. Rajkummar Rao spielt das so subtil wie souverän, was sich besonders in seinen Szenen mit dem grandiosen Pankaj Tripathi als ruppigem, zwischen aggressiver Korruption und weiser Pragmatik schwankendem Offizier Singh zeigt. Die Darstellung der Adivasi allerdings lässt einiges zu wünschen übrig: An deren gesellschaftlich und politisch katastrophalen Lage ist wirklich nichts zu beschönigen, doch ihre Darstellung als „edle Wilde“ tut niemandem einen Gefallen. Die Dorfbewohner werden im schummerigen Licht des Sonnenuntergangs als arme Opfer inszeniert, wobei die Bildlichkeit einiger Szenen stark an Werbekampagnen von UNICEF erinnert. Auch wird die Figur der Malko von einer Schauspielerin dargestellt, die selbst keine Adivasi ist. Das wird im Film auf den ersten Blick deutlich und wirft die immer gleiche Frage auf: Warum werden Rollen, die ethnisch klar markiert sind, in Filmproduktionen so oft mit Schauspielern besetzt, die einen ganz anderen Hintergrund haben?

In der Folklore-Falle

Auch wenn Amit V. Masurkar sicher nur die besten Absichten hatte, geht seine Darstellung der Adivasi nicht über gängige Klischees hinaus. Er lässt Malko die Diskrepanz zwischen den Lebenswelten von Stadtbevölkerung und indigenen Stämmen zwar auf den Punkt bringen, wenn sie zu Newton sagt: „Du wohnst nur ein paar Stunden von uns entfernt und weißt nichts über unser Leben.“ Newton fügt dem Wissen über die Adivasi aber auch nicht mehr als ein paar folkloristische Elemente hinzu, wie beispielsweise die Entdeckung einer Ameisenkur gegen Malaria oder das regelmäßige Zitieren der „jahrtausendealten, im Dschungel gewachsenen Traditionen“. Das ist schade, ändert aber nichts daran, dass Newton zu den sehenswerteren Filmen der Berlinale gehört. Nicht nur weil er zahlreiche Elemente der indischen Gegenwart ineinander verwebt, sondern auch weil man in Anschluss wunderbar über die Licht- und Schattenseiten der demokratischen Idee diskutieren kann.

Lilian Pithan ليليان بيتان
Lilian Pithan arbeitet als freiberufliche Journalistin in Berlin. Sie schreibt für das Goethe Institut Magazin und ParisBerlin, meist über Themen aus Kultur und Gesellschaft. Sie arbeitet außerdem für die Neuen deutschen Medienmacher e.V.

Lilian Pithan is a Berlin-based freelance journalist. She writes about culture and society for the Goethe Institut Magazine and ParisBerlin. Apart from that, she works for the German media NGO Neue deutsche Medienmacher e.V.