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حسين غرير ويوليان رايخلت

Hussein Ghrer: Wir brauchen einen Aufstand aller anständigen Menschen

Herr Reichelt, ich habe Ihren Aufruf an alle anständigen Flüchtlinge gelesen. Sie fordern diese zum Aufstand auf, um gewalttätige Handlungen (wie die Attacke auf einen Obdachlosen in der Berliner U-Bahn im Dezember 2016, AdR) zu stoppen und Deutschland zu schützen. Ich habe dies mit meinen Freunden diskutiert, besonders nach dem Vorfall in der Berliner U-Bahn. Meiner Ansicht nach habe ich eine persönliche und moralische Verantwortung, derartige abscheuliche Handlungen zu verhindern, die von einigen Menschen aus Syrien und aus anderen Ländern begangen werden.

Es ist meine Pflicht als Mensch und als Syrer, das Land, in dem ich lebe, zu schützen. Ich kann es nicht akzeptieren, einfach nur zu sagen: Ich gehöre nicht zu diesen Menschen und sie gehören nicht zu mir.

Es reicht nicht, zu behaupten, dass diese Menschen nur sich selbst repräsentierten und als Einzelne agierten. Wir müssen auch etwas tun. Ich rufe Sie daher dazu auf, das Problem aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und nicht nur aus einer einzigen.

Zuerst möchte ich an ein paar wichtige Daten erinnern, die Sie, Herr Reichelt, sicher gut kennen. Im Oktober 2016 wurde der Syrer Jaber Albakr, der plante, einen Terroranschlag in Deutschland zu begehen, von zwei anderen Syrern festgehalten und der Polizei übergeben. Ein paar Monate vor dem Terroranschlag am Berliner Breitscheidtplatz haben syrische Geflüchtete Anis Amri den deutschen Behörden gemeldet. Außerdem wurden 2016 viele positive Initiativen von Geflüchteten angestoßen, von denen ich hier einige nennen will: Eine Syrerin in Celle führt deutsche und geflüchtete Kinder durchs Museum, um sie in Kontakt zu bringen. In derselben Stadt entwickelt eine Gruppe Geflüchteter einen Plan, um junge Menschen davor zu schützen, in die Falle des Terrorismus zu gehen.

Anfang dieses Jahres habe ich in Braunschweig einen Workshop über lokale Demokratie und Selbstorganisation für Geflüchtete gegeben. Dort traf ich einen Syrer, der sich beschwert hat, dass seine Frau in Deutschland plötzlich das Recht habe, sich scheiden zu lassen. Ich machte ihm klar, dass es in Deutschland nicht rechtens sei, die Freiheiten anderer zu beschränken, und dass das in Syrien eigentlich auch so sein sollte.

Jeder beurteilt das vergangene Jahr nach seinem eigenen Kalender. Für viele Menschen hat 2016 mit sexueller Belästigung auf der Kölner Domplatte begonnen und mit dem Mord an Maria L. geendet. Für andere begann 2016 mit der Verfolgung durch Rechtsextreme, von denen sie durch die Innenstadt gejagt wurden.

Das gleiche Jahr endete für sie mit dem gewalttätigen Angriff auf den syrischen Jungen Odai K., der später in einem Bremer Krankenhaus starb. Über diese Vorfälle wurde in den Medien nicht angemessen berichtet. Sogar die zuständige Polizeidirektion gab bis eine Woche nach Odais Tod keine entsprechende Erklärung ab. Viele Geflüchtete glauben daher, dass das Leben eines Nichtdeutschen oder Nichteuropäers in der deutschen Gesellschaft keine Rolle spiele. Für andere begann das Jahr 2016 mit der Erinnerung an die zahlreichen Angriffe auf Flüchtlingswohnheime, deren Zahl schon 2015 stark gestiegen war (siehe den Bericht von Amnesty International). Terroranschläge fanden in Deutschland damals keine statt. Seit 2016 verfolgt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine besonders harte Linie in Bezug auf Familienzusammenführungen. Viele Asylberechtigte können ihre Familien momentan nicht nachholen. Unter ihnen sind auch Jugendliche, die dringend soziale und psychologische Betreuung benötigen.

Für alle Syrerinnen und Syrer hat 2016 damit begonnen, dass dutzende Zivilisten durch die Luftangriffe der Internationalen Koalition in Syrien getötet wurden, deren Ziel – laut offiziellen Angaben – die Truppen des Islamischen Staats (IS) sind. Das gleiche Jahr endete für sie mit der Evakuierung zehntausender Einwohner von Aleppo, der die Mächtigen dieser Welt schweigend beiwohnten. Seit sechs Jahren verfolgen sie die Verbrechen, die vom Regime Baschar Al-Assads begangen werden.

Jeder von uns könnte mit seinem Kalender ganz zufrieden leben, wenn er denn die verwirrenden Ereignisse in der weiten Welt nur aus seinem Blickwinkel betrachten und seine eigenen, kleinen Lösungen finden will.

So könnte jeder auf seinem Standpunkt beharren und den jeweils anderen öffentlich oder im Geheimen beschuldigen. Es ist ein Leichtes, andere Menschen zu finden, die die eigenen Positionen unterstützen und die eigenen Ansichten begeistert verteidigen.

Doch was ist das Ergebnis? Ein weiterer Brexit in Europa? Ein weiterer IS in Syrien und dem Irak? Ein weiterer Baschar Al-Assad in der Türkei und den USA?

Wir müssen erkennen, dass alte Denkweisen nicht mehr funktionieren. Die Welt ist nicht mehr so wie vor 100 Jahren: Weit entfernte oder isolierte Länder existieren nicht mehr. Die Auswirkungen einer jeden Handlung erreichen weit entfernte Weltregionen, die nie zuvor beachtet wurden. Hass breitet sich wahnsinnig schnell auf der ganzen Welt aus. Es ist ein Hass gegen alles und jeden. Doch es gibt einen anderen Weg. Wenn wir uns den Kalender des anderen anschauen, lernen wir uns besser kennen und beginnen, die Gefühle und Ängste des anderen zu verstehen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, um uns von der Angst zu befreien, die von Extremisten überall auf der Welt geschürt wird.

Die meisten Deutschen sind nett und zeigen sich den Syrerinnen und Syrern gegenüber großzügig. Problematisch ist es allerdings, dass sie uns in Kategorien stecken.Wir sind für sie entweder gut und schwach. Oder eben Terroristen.

Dabei sind viele von uns gerade durch unsere Träume stark und aktiv: Wir sind konfrontiert mit dem Hass des Assad-Regimes, das nur Sklaven akzeptiert. Wir sind ebenso konfrontiert mit dem Hass der Terroristen, die alle Formen des Lebens bekämpfen. Und wir sind konfrontiert mit dem Hass all jener Menschen, die keine Fremden in ihrem Land haben wollen. Wir sollten lieber zusammenarbeiten als dass ihr uns erklärt, was wir tun sollten. Sprecht lieber mit uns als in unserem Auftrag!

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