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رامي العاشق

Gib mir einen Flüchtling!

Von Ramy Al-Asheq

Im Gegensatz zur von den Rechten als Gefahr für die Wirtschaft und das Gemeinwesen in Deutschland dargestellten Flüchtlingswelle, bei der das Land ihrer Meinung nach seine Tore für unzählige Arbeitslose öffnet, die nur auf Kosten des Steuerzahlers hier leben, entstanden auch viele neue Jobs für Deutsche und taten sich auf dem Arbeitsmarkt bisher unbekannte Arbeitsbereiche auf. Mit der Auflage von Projekten mit Flüchtlingsbezug, speziell auf dem Gebiet der “Bildung und Integrationshilfe“, startete so manche Organisation einen neuen Lebenszyklus.

Wahrscheinlich wird niemand genau sagen können, wieviel Geld die entsprechenden Einrichtungen aus den unterschiedlichsten Finanzierungsquellen für ihre Vorhaben eingeworben haben. Wie auch unbekannt sein dürfte, wie viele Spender ihre Steuerlast durch die Beteiligung an „wohltätigen“ Projekten zur Unterstützung der leidenden „bedauernswerten Armen“ verringert haben. Wir kennen die Zahl der Jobs nicht, die in letzter Zeit im Sektor „Flüchtlinge“ entstanden sind. Wie dieser Markt vor uns aussah und nach uns aussehen wird, können wir auch nicht wissen. Was wir aber wissen ist, dass dies alles in unserem Namen geschieht, im Namen der „angsteinflößenden Wilden“ in den Augen der Legionen von Rechten, der „bedauernswerten Armen“ für die Kolonnen von Sympathisanten und des „Neuen Marktes“ für die zahlreichen „gemeinnützigen“ Vereine.

Einigen wir uns erst einmal darauf, dass das Problem nicht die Projekte für Flüchtlinge sind, sondern die Kultur der „Hilfe“, die immer so abläuft, dass eine starke, potente Seite der anderen schwachen und bedürftigen Seite in einer Weise hilft, die es dem Empfänger der Hilfe unmöglich macht, selbst aktiv zu werden, damit er diese Art von Kultur nicht mehr benötigt. Besonders deutlich wird das in den Flüchtlingslagern Jordaniens, Libanons und der Türkei. Deren Insassen ist es untersagt, eine Arbeit aufzunehmen. Damit bleiben sie weiterhin von der Hilfe der internationalen Organisationen abhängig, denn sollten die Flüchtlinge in der Lage sein, sich selbst zu helfen, hätten die Hilfsorganisationen keine Daseinsberechtigung mehr, und die Geberländer würden deren Finanzierung einstellen.

Diese Kultur der Hilfe hat zu einer seltsamen Bipolarität geführt, der zufolge die Menschen jeweils in zwei Kategorien eingeteilt werden: Stark/schwach, gebildet/ungebildet, zivilisiert/rückständig, reich/arm, nützlich/Nutznießer, Produzent/Konsument und so weiter. Die Flüchtlinge werden nicht als ebenbürtiger Partner sondern einzig und allein als Nutznießer gesehen. Diese Kultur und bipolare Herangehensweise sind das eigentliche Problem. Daraus erwächst notwendigerweise eine die Szenerie beherrschende Bildungsmentalität, der zufolge man sich weiter entwickelt, fähiger, stärker und gebildeter ist als die aus einer rückständigen Welt kommenden Menschen. Ich behaupte nicht, dass dies immer so ausgeprägt ist, wie beschrieben. Nein, viele Deutsche helfen ehrlichen Herzens. Allerdings ist festzustellen, dass uns die auf der besagten Bipolarität beruhende Hilfs- und Bildungsmentalität in die jetzige Lage gebracht hat.

Meine deutsche Freundin meint: „Bildungsmentalität gibt es nicht nur in Zusammenhang mit Flüchtlingen. Sie ist eine verbreitete Lebensweise. Es genügt doch schon, dass du irgendein womöglich sogar schon gelöstes Problem hast, über das du reden möchtest. Du erzählst zum Beispiel deinen Freunden, dass du gestern den Haustürschlüssel verloren hast, und schon ergreifen sie die Chance, sich dazu in einer Weise zu äußern, mit der sie dir etwas beibringen wollen, das du ohnehin schon wusstest, und dir gute Ratschläge geben!“

In vielen Projekten, ob es nun TV-Programme, Internetplattformen, Aufklärungsblätter oder Veranstaltungen und Konferenzen en gros sind, wird über Flüchtlinge geredet, nicht aber mit ihnen. Man hört ihnen nicht zu. Diese Bildungsmentalität geht davon aus, dass man den anderen besser kennt als dieser sich selbst und besser als dieser selbst einzuschätzen vermag, was er braucht. Sogar dann, wenn über die Kultur der Geflüchteten gesprochen wird, geht es lediglich um Unterhaltungskultur. Frei nach dem Motto „Gib mir einen Flüchtling, und ich mache was daraus“. Das ist heutzutage durchaus üblich im „deutschen institutionalisierten Denken“.

Dazu ein natürlich nicht erschöpfendes Beispiel: Irgendwo in Deutschland findet eine Veranstaltung für zahlreich daran teilnehmende Flüchtlinge statt. Diese Veranstaltung soll ein – danach weiterzuverbreitendes– Bild über die Geflüchteten vermitteln. Die deutschen Veranstalter verlangen die Teilnahme „talentierter Flüchtlinge“. Professionalität ist nicht gefragt, denn Teilnahme entscheidet. Professionalität ist unter den Geflüchteten ohnehin nicht zu erwarten, sondern die ist den anderen vorbehalten. So werden Filme und Theaterstücke dargeboten, denen jede künstlerische Qualität abgeht. Das macht aber nichts, Hauptsache, wir haben einen Flüchtling dabei, den wir vorweisen können. In dieser „Gib-mir-einen-Flüchtling-Mentalität“ gilt das Asyl als Identität und nicht als zeitweilige Lage, die ein Mensch aufgrund besonderer, ihn zur Flucht zwingender Umstände zu meistern hat, so als ob wir in unseren Ländern keine kreativ arbeitenden Künstler gewesen wären. Unsere Identität ist die Flucht, wir sind also nicht mehr Ärzte, Dichter, Künstler und Intellektuelle, sondern vor allem Geflüchtete. Insofern interessiert es auch nicht, ob wirklich anspruchsvolle, professionelle und kreative Kunst als realistisches Abbild der Kultur unseres Landes geboten wird, sondern wichtig ist nur die Teilnahme der Flüchtlinge, damit die Organisatoren sagen können: „Flüchtlinge sind auch dabei.“ So besteht auch kein Anlass, die künstlerische Leistung zu bewerten und Jurys aus Künstlern oder Literaten zu bilden, um diese oder jene Arbeiten einzuschätzen, denn die Mitglieder solcher Gremien müssten ja aus den Reihen der Geflüchteten rekrutierte Künstler, Autoren und andere Fachleute sein, was wiederum der Logik, über alles Bescheid zu wissen, widersprechen würde.

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Kooperation zwischen Abwab und WDRforyou übersetzt. 

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