Fremde Laute, ganz vertraut

Christina Heuschen

Von Christina Heuschen. „Alif, Ba, Ta, Tha, Jim, Cha.“ „Nein, es heißt Ha.“ Mehrere Versuche. Immer wieder ist ein „Cha“ zu hören. Ich sitze mit Leuten aus der ganzen Welt in einem Gemeinschaftszentrum in Akka. Gemeinsam sprechen wir unserer Lehrerin arabische Buchstaben nach. Ein Buchstabe, ein Wort als Beispiel. Doch beim „Ha“ haben einige Probleme. Es wird zu hart ausgesprochen. Nicht alle haben im Vorfeld schon Unterricht gehabt oder mit Arabischmuttersprachlern die Aussprache geübt. Unsere Lehrerin sagt, wir sollten das „Ha“ so aussprechen, als ob wir unsere Sonnenbrille anhauchten, um sie zu putzen. Und tatsächlich: Nach mehreren Versuchen klappt es. Wir alle lernen Arabisch. Vier Stunden am Tag haben wir Unterricht. Danach machen wir unsere Hausaufgaben. Ein Intensivkurs.

Von Christina Heuschen

„Alif, Ba, Ta, Tha, Jim, Cha.“ „Nein, es heißt Ha.“ Mehrere Versuche. Immer wieder ist ein „Cha“ zu hören. Ich sitze mit Leuten aus der ganzen Welt in einem Gemeinschaftszentrum in Akka. Gemeinsam sprechen wir unserer Lehrerin arabische Buchstaben nach. Ein Buchstabe, ein Wort als Beispiel. Doch beim „Ha“ haben einige Probleme. Es wird zu hart ausgesprochen. Nicht alle haben im Vorfeld schon Unterricht gehabt oder mit Arabischmuttersprachlern die Aussprache geübt. Unsere Lehrerin sagt, wir sollten das „Ha“ so aussprechen, als ob wir unsere Sonnenbrille anhauchten, um sie zu putzen. Und tatsächlich: Nach mehreren Versuchen klappt es.

Wir alle lernen Arabisch. Vier Stunden am Tag haben wir Unterricht. Danach machen wir unsere Hausaufgaben. Ein Intensivkurs. Tatsächlich sind wir mit unserem Wunsch, Arabisch zu lernen, nicht die Einzigen. In Deutschland nehmen immer mehr Menschen an Arabischkursen teil. Laut der 54. Volkshochschulstatistik des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung stiegen die Zahlen 2015 um 38,5 Prozent. Während ich in der Schule neben Latein vor allem Englisch und Französisch gelernt habe, habe ich an der Universität schließlich Spanisch studiert. Und nun also Arabisch. Seit Herbst letzten Jahres lerne ich die Sprache.

Angefangen hat alles mit einem Tandem: Ich habe meine Muttersprache Deutsch unterrichtet und Arabisch gelernt. Fusha (Hocharabisch, Anm. d. Red.) und ein bisschen Dialekt.

Nur wenige Monate später sitze ich in Akka und Maha Yakoub Gianetti, meine palästinensische Lehrerin, bringt mir Arabisch in einem Intensivkurs bei. Bis ins kleinste Detail. Die Frage „Heißt es nun ,qalb’ oder ‚kalb’?“ ist nur ein Beispiel dafür. Was für Arabischmuttersprachler ein riesiger Unterschied ist, kann für Leute, die Arabisch neu lernen, nur ein minimaler phonetischer Unterschied sein. Entweder weil sie ihn nicht hören oder weil sie ihn nicht aussprechen können. So drückt beim „Qaf“ in „qalb“ der hintere Teil der Zunge an den weichen Gaumen. Doch allzu oft landet die Zunge eher am harten Gaumen. Heraus kommt ein anderer Laut. Der Falsche. Im Arabischen werden einige Laute tief im Rachen und in der Kehle produziert, wie es das in europäischen Sprachen nicht gibt.

Bei falscher Aussprache wird dann aus einer liebevollen Bemerkung schnell eine Beleidigung. Der Liebhaber („qalb“, wörtlich „Herz“) wird zum Hund („kalb“).

Aussprache, Schrift, Grammatik, Satzbau und Vokabeln: Schritt für Schritt lerne ich Arabisch. Mit jeder Lektion ein bisschen mehr. Dazu gehören auch Dinge, die es im Deutschen nicht gibt, wie neue Pronomen, den Numerus „Muthana“ (entspricht dem Dual; Anm. d. Red.) oder Redewendungen für jede denkbare Situation. Aber ich verstehe nun auch, was an der deutschen Sprache für Arabischmuttersprachler schwer ist und warum den meisten der deutsche Satzbau Schwierigkeiten macht.

Aus dem Tandem wurde mehr. Auch der Sprachkurs ist kein reiner Sprachkurs. Ich habe nicht nur angefangen, eine neue Sprache zu lernen, mir wurde auch eine neue Welt eröffnet.

Von Mahmud Darwisch bis Mustafa Khalifa, von Fairuz bis zu Toot Ard und vom Film West-Beirut bis hin zu 5 Broken Cameras: Ich habe neue und alte Literatur, Musik und Filme entdeckt. Ich habe vor allem palästinensische, syrische und libanesische Kultur kennengelernt und mehr über Geschichte und Politik erfahren als das, was in Deutschland überhaupt ankommt. Ich habe Zugang zu einer neuen Welt, zu einem neuen Wissen erhalten.

Auf meinem Schreibtisch stehen nun mein Skript aus dem Arabischkurs in Akka, ein neues Lehrbuch und ein Vokabelheft. Überall in meinem WG-Zimmer hängen Klebezettel mit Vokabeln darauf. Auf meinem Handy und auf dem iPad ist die arabische Tastatur installiert. Täglich wiederhole ich Vokabeln und Grammatik. Alle ein bis zwei Wochen folgt ein Tandemtreffen.

Noch vor ein paar Monaten waren „Ha“, „Qaf“ oder „Ayn“ fremde Laute. Laute, die ich zwar schon gehört hatte, wenn Freunde sich unterhielten, jedoch nicht immer genau verstand, geschweige denn aussprechen konnte.

Das hat sich geändert. Jetzt verstehe ich immer mehr Arabisch. Manchmal sind es einzelne Worte, manchmal sogar ganze Sätze. Und ich spreche die Sprache. Zumindest ein bisschen. Bald kann ich mich dann hoffentlich auch richtig unterhalten, sogar ein Buch auf Arabisch lesen oder einen Film ohne Synchronisation anschauen. Ohne, dass etwas in der Übersetzung verloren geht. Aber eins ist mir jetzt schon klar: „Uhibbu al-lugha al-arabiya“, ich liebe die arabische Sprache.