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In den Tiegel geschaut

Von Farah Youssef

Für jede junge Frau kommt irgendwann die Zeit, in der sie ihr kosmetisches Können unter Beweis stellen muss. Dann wird sie den Nutzen all der Video-Tutorials erkennen, die sie angesehen, aber nicht in die Tat umgesetzt hat. Aus welchem Anlass aber wird eine junge Frau wie ich dicke Schichten von Make-Up tragen, um einen „natürlichen Look“ vorzugaukeln? Habe ich dir nicht gesagt, dass ich fünf Kriegsjahre mit all ihrem Schrecken durchlebt und mein Make-Up zweimal in Trauer entfernt habe? Gut, dann werde ich es dir jetzt sagen: Ich bin Farah, habe fünf Kriegsjahre mit all ihrem Schrecken durchlebt und mein Make-Up zweimal in Trauer entfernt. Und jetzt lass uns wieder zum Thema kommen.

Der Zeitpunkt meiner Ankunft in Europa fiel auf Halloween. Ich startete einen „Integrationsversuch“ und nahm an den Feiern teil. Als nette Europäerin machte ich mich auf Shoppingtour, jedoch waren die Kostüme, die ich aussuchte, nicht mit dem Wörtchen „Schlussverkauf“ geschmückt. So herrschte in meinem Geldbeutel bald gähnende Leere.

Wieder zuhause setzte ich mich vor den Spiegel, packte meine Beute aus und begann mit einer dicken Schicht Concealer unter meinen Augen. Dann eine Schicht rosafarbener Foundation – meine Totenbleiche war schließlich kein Teil des gewünschten Looks –, viel Rouge auf die Wangen und ein Set künstlicher Fingernägel. Zu guter Letzt zog ich eine zerrissene Jeans und einen schwarzen Pullover an, der ein wenig einem Trauergewand ähnelte.

Ein Klopfen an der Tür und Kindergeschrei: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ Warum bat uns der Tod in meinem Land nicht, ihn mit Süßigkeiten zu besänftigen, bevor er mit aller Gewalt über uns hereinbrach? Der kleine Spiderman starrt mich wie ein erfahrener Pokerspieler an, während Schneewittchen eisern schweigt. Ich gebe ihnen Süßigkeiten und merke, dass ich immer noch furchterregender als nötig aussehe.

Ich kehre zum Spiegel zurück. Die lange Nacht der Schlaflosigkeit steckt noch in ihren Anfängen. Weiß die Welt, dass ein Junge in meinem Land sich in einer Leichenhalle als Toter verkleidet hat, um seine Schwester an Halloween zu erschrecken? Warum stehen all die Toten in meinem Land nicht wie Zombies wieder auf? Noch immer sehe ich die Farbe des Bluts an meinen Lippen – aber gut, betrachten wir das als Teil des erwünschten Looks. Ein, zwei Versuche, mich zu entspannen. Ein, zwei, drei Versuche, versöhnlich zu lächeln – und ein Klopfen an der Tür: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ Batman schnappt sich die Süßigkeiten. Das Kürbis-Mädchen packt seinen Teil und Aschenputtel dreht sich lachend einige Male um sich selbst. Ich lehne mich zu ihr hin und flüstere: „Du bist aber hübsch… Schöner als jedes andere Aschenputtel.“ Und so endet mein Versuch, mich als eine gewöhnliche junge Frau an einem Herbstabend in Europa zu verkleiden. Als eine gewöhnliche junge Frau, die fähig ist, sich schön zu fühlen – ja, die überhaupt die fähig ist zu fühlen.

Aus dem Arabischen übersetzt von Benedikt Römer

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EXILLITERATUR: Nemat Khaled

Nadia liebt Djalal, aber irgendwie will das mit den beiden nicht so richtig klappen. Beide leben im Jarmuk-Camp in Damaskus, das über die Jahre hinweg von einem palästinensischen Flüchtlingslager zu einem normalen Stadtviertel geworden ist. Während ihre Liebe tiefer wird, machen sie Karriere als Journalisten und verwickeln ihre Freunde in politische Diskussionen. Doch Djalal betrügt Nadia mit der gemeinsamen Bekannten Mariam und entschließt sich endlich, Damaskus ganz zu verlassen. Wäre da nicht Hassna, die längst verstorbene Großtante Nadias, hielte diese sicher nicht so lange an ihrer unerfüllten Liebe fest. Hassna spukt durch den gesamten Roman, aber nicht als konventioneller Geist, sondern als Erinnerung oder Geschichte, die Nadia keine Ruhe lässt.