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By: Dörthe Boxberg

Antwort auf Isabel Schayani: Die Integration ist ein Bedürfnis und kein Angebot

Von Ramy Al-Asheq

Ich möchte mich zunächst bei Isabel Schayani für ihre Gegenrede bedanken, weil sie einen Raum für Dialog eröffnet. Wie wir alle wissen, liegt die Wahrheit in der Mitte. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich Frau Schayani respektiere und Freundschaft für sie empfinde. Trotz unserer Meinungsverschiedenheiten haben wir keine persönlichen Differenzen. Jedoch ist mir klar, dass es viele Punkte in meinem Artikel gibt, die falsch interpretiert wurden.

Deshalb werde ich die problematischen Punkte noch einmal erklären. Weiterhin werde ich versuchen, Frau Schayani auf die Fehler in ihrer Gegenrede aufmerksam zu machen. Doch zuerst möchte ich mich entschuldigen, dass meine Antwort zu spät kam. Dies liegt daran, dass Frau Schayani ihre Gegenrede auf Deutsch geschrieben und sie zusammen mit meinem aus dem Arabischen übersetzten Artikel veröffentlicht hat. So habe ich ihre Gegenrede erst kürzlich lesen können.

Zwei Fehler im Titel

Mein vorheriger Artikel trägt den Titel „Diese Integration ist eine große Lüge“. Ich habe in ihm über die Bedeutung des Begriffs Integration und die Umsetzung derselben in der Praxis gesprochen. Deshalb ist es nicht akzeptabel, so zu pauschalisieren, wie es Frau Schayani in ihrem Titel „Integration ist ein ehrliches Angebot“ getan hat. Man kann nicht nur vage auf etwas eingehen, das präzise beschrieben ist. Der zweite Fehler im Titel ist die Behauptung, dass Integration ein Angebot sei, was ich absolut falsch finde. Integration ist kein Angebot, sondern ein Bedürfnis für die heimische und die neu hinzugekommene Gesellschaft. Die Rede von einem Angebot ist nicht mehr als ein arroganter, zurzeit dennoch weitverbreiteter Dialog. Dieser nimmt an, dass der Einheimische stärker, reicher, schlauer und zivilisatorisch fortgeschrittener ist. Demnach muss er das Integrationsangebot von oben nach unten delegieren.

Seien wir realistisch: Was für eine Art von Dialog soll das sein? Wird ein Angebot vorgeschrieben und jeder wird bestraft, der sich nicht daran hält? Das neue Integrationsgesetz legt fest, dass denjenigen die Sozialhilfe reduziert und keine langfristige Aufenthaltserlaubnis erteilt wird, die den Integrationskurs nicht besuchen. Ich setze mich für solche Personen nicht ein, aber ich bezweifle, dass diese Integration ein Angebot ist, denn ein solches ist immer mit der freien Wahl verknüpft. Entweder man akzeptiert es oder man lehnt es ab.

Wer hat gesagt, die Sprache sei unwichtig?

Frau Schayani sagt in ihrem Artikel: „Ramy behauptet: 600 Stunden Sprachkurs und 60 Stunden Orientierung halte die Bundesregierung für Integration. Das sei eine von außen aufgezwungene ‚Eingliederung’.“ Ich behaupte das nicht. Der sogenannte „Integrationskurs“ umfasst 600 Stunden Sprachkurs und 60 Stunden Orientierung. Den Namen für diesen Kurs habe ich nicht ausgewählt. Frau Schayani setzt ihre Gegenrede fort, als ob ich gesagt hätte, wir wollten die Sprache nicht lernen oder die Sprache sei unwichtig. Aber das stimmt nicht, denn ich habe gesagt, dass die Sprachkursstunden nicht ausreichend seien. Frau Schayani hat mich vor den deutschen Lesern so dargestellt, als würde ich mich weigern, die deutsche Sprache zu lernen, und andere Flüchtlinge auch noch dazu anstiften. Was meinen Sie? Wie groß ist der Unterschied zwischen „Die Sprache ist nicht wichtig“ und „Die Sprachkursstunden reichen nicht aus“?

Das Problem der Lehrbroschüren

Frau Schayani spricht von „Broschüren aus Hilflosigkeit“. Sie meint, die deutschen NGOs verwendeten diese Broschüren, weil kein anderes Kommunikationsmittel vorhanden sei. Aber ich protestiere nicht gegen die Herausgabe von Broschüren, sondern gegen den beleidigenden Inhalt einiger dieser Broschüren. Sie sagt ebenfalls: „Dreimal gefaltet wartet die Broschüre artig in den Regalen im Wartebereich.“ Ich habe aber nicht von Broschüren allgemein gesprochen, sondern von Prospekten, die den Flüchtlingen das Nutzen von Toiletten in einer beschämenden Art von oben herab erklären. Frau Schayani fährt fort: „Aber es ist der konstruktive Versuch, das Zusammenleben mit Menschen, die zu uns kommen mussten, weil sie fliehen mussten, perspektivisch zu ermöglichen. Es ist das Signal: Wir wollen mit euch zusammenleben.“ Ich frage mich hier: Ist es nicht ein überheblicher Dialog, der zu anderen in anmaßender Weise sagt: „Wir möchten mit euch zusammenleben“? Ist es der richtige Umgang mit einer vor einem Bürgerkrieg fliehenden Person, wenn man sie behandelt, als käme sie aus dem „Urwald“ und wäre „zurückgeblieben“? Als wisse sie nicht, wie die Toilette benutzt wird? Heißt das wirklich: „Wir wollen mit euch zusammenleben“? Weiß ein vom Land kommender Flüchtling wirklich nicht, wie eine Toilette zu benutzen ist? Angenommen, eine Person käme aus dem „Urwald“ und wüsste das tatsächlich nicht, ist es dann die richtige Lösung, ein Poster für alle Flüchtlinge zu machen?

Ich fühle mich gezwungen zu sagen: In Syrien sowie in den anderen arabischen Ländern benutzen wir Wasser zum Saubermachen und Toilettenpapier zum Abtrocknen. Angenommen, eine Gruppe von Deutschen, Franzosen und Schweden wäre in Friedenszeiten nach Syrien gekommen – ich wünsche mir persönlich, dass ihr zu uns kommt, ohne dass Krieg herrscht oder ihr flüchten müsst – und wir sähen uns nun mit einem „Problem“ konfrontiert, weil Europäer kein Wasser in der Toilette benutzen können. Was würden wir tun? Würden wir Broschüren herstellen, in denen gezeigt wird, wie man Wasser benutzt? Ist das logisch? Wenn ich diese Frage beantworten müsste, würde ich sagen: Ich würde mich bemühen, dass immer ausreichend Toilettenpapier vorhanden ist.

Eine Schublade voller Stereotype

Ja, liebe Leserinnen und Leser, ich habe ein großes Problem mit dem Umgang mit Flüchtlingen, dessen Grundlage nur Stereotype sind. Und ich habe ein großes Problem damit, Menschen mit unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Ausbildungsniveaus „in eine Schublade zu stecken“. Ich habe auch ein Problem mit der Projizierung von individuellen Fehlern auf alle Flüchtlinge. Und damit, dass die Flüchtlingseigenschaft als Charaktermerkmal wahrgenommen wird und Flucht nicht als eine Ausnahmesituation, die man erlebt und für die man sich nicht frei entschieden hat. Wenn wir schon alle in eine Schublade gesteckt werden müssen, dann sollte diese zumindest mit Humanität und Menschenrechten gefüllt sein.

Zurück zum Text von Isabel Schayani. Sie hat in ihrer Gegenrede nur auf die zwei Abschnitte meines Artikels über die Bundesregierung und die NGOs reagiert, während sie den Teil, der sich mit den Flüchtlingsgesellschaften beschäftigt, ignoriert hat. Ich habe darauf hingewiesen, dass Flüchtlinge oft, der Lehrermentalität folgend, in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die erste hat die Integration gezwungenermaßen akzeptiert. Sie hat es zugelassen, zwischen zwei Gesellschaften zu existieren, auch wenn es nicht ihre freie Wahl war. Wer mit einer Narbe im Gesicht oder einer Krankheit leben muss, hat ebenso keine Wahl. Das führt notwendigerweise zu Ghettos und Parallelgesellschaften. Dabei wäre es doch besser, miteinander zu leben und Respekt trotz bestehender Differenzen zu üben. Der zweite Teil der Gesellschaft hat die Mentalität der Mehrheitsbevölkerung angenommen und verhält sich gegenüber anderen Flüchtlingen überlegen oder diskriminierend. Nur so, glauben diese Menschen, können sie in die deutsche Gesellschaft integriert werden.

Noch einmal: Integration

Laut Isabel Schayani ist Integration dann gelungen, wenn Flüchtlinge die „Fremden“ hinter der Ladenkasse, als Zahnärzte oder als Englischlehrer arbeiten sehen. Sie sagt: Wenn man sieht, wie diese Leute arbeiten, kann man nicht sagen, dass „die Integration eine Lüge ist“. Hier taucht das gleiche Problem wie im Titel wieder auf, da ich nicht über Integration im Allgemeinen gesagt habe, sie sei eine Lüge, sondern diese Integration, also das, was die Bundesregierung Integration nennt, und das, was manche NGOs tun, ohne die anderen wirklich zu kennen. Die Vorurteile und Klischees, die in beiden Gesellschaften existieren, stecken auch in Frau Schayanis Artikel. Die Integration unter diesen Voraussetzungen ist sicherlich eine Lüge.

Ja, Arbeit ist ein Teil von Integration, aber eben auch nicht alles. Integration muss auf vielen Stufen und Ebenen erzielt werden: wirtschaftliche Integration, kulturelle Integration, soziopolitische Integration. Wirtschaftliche Integration allein reicht nicht. In Saudi-Arabien beispielsweise gibt es hunderttausende asiatische Arbeiter, die dort seit Jahren leben. Sind sie in die saudi-arabische Gesellschaft integriert? Sind sie Teil von ihr? Haben sie Einfluss auf politische Entscheidungen? Sind sie in der saudi-arabischen Kultur aktiv? Arbeit ist sehr wichtig und Sprache auch, aber ich wiederhole: Das allein reicht nicht. Mit dieser Lehrermentalität werden wir die Situation nicht verbessern.

Niemand soll sich selbst verleugnen

Frau Schayani beendet ihren Artikel mit den Worten: „Nicht aber ohne zu sagen, dass man von einer aufnehmenden Gesellschaft nicht erwarten kann, sich selber zu verleugnen.“ Wer hat das verlangt? Ich habe nur gefordert, dass wir gleichberechtigt behandelt werden. Außerdem habe ich gesagt, dass Integration nicht ohne das Kennenlernen der anderen und deren Kultur funktionieren kann. Auch nicht ohne die gegenseitige Beeinflussung, das Lernen voneinander, den Respekt und die Akzeptanz des anderen sowie die Verteidigung des eigenen Rechts, anders zu sein. Integration ist keine Einbahnstraße. Niemand darf von einer anderen Person verlangen, sich von der eigenen Kultur zu entfremden. Würde das nicht bedeuten, dass die deutsche Gesellschaft sich selbst verleugnet?

Damit mein Artikel nicht nur eine Antwort auf die Fehler ist, die Isabel Schayani in ihrer Gegenrede gemacht hat, werde ich ein paar Lösungen für die entstandenen Missverständnisse vorschlagen:

– Integration ist kein Angebot. Sie ist ein Grundbedürfnis beider Gesellschaften. Wir alle sollten versuchen, der anderen Seite Türen zu öffnen und ein friedliches Zusammenleben möglich zu machen. Jeder von uns muss sich die Frage stellen, wie viele Freunde in der jeweils anderen Gesellschaft er hat.

– 600 Stunden Sprachkurs und 60 Stunden Orientierung sind nicht ausreichend für Geflüchtete. Was ist die Lösung? Mehr Stunden, um Kultur, Geschichte, Gesellschaft und Recht in Deutschland kennen zu lernen. Eine Lösung wäre auch, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, die Flüchtlinge annehmen können, besonders diejenigen, die erst vor kurzem angekommen sind.

– Anstatt überhebliche Broschüren zu drucken, deren Kosten man sich sparen kann, und als Ersatz für beschämende Videos und unnütze Sendungen, könnte man zum Beispiel Kleinprojekte von Flüchtlingen unterstützen. Die Kosten von Duschköpfen für Toiletten sind wahrscheinlich niedriger als die Kosten für die Herstellung von Broschüren und Videos.

– Anstatt alle in eine Schublade zu stecken, sollten wir jede Person als Individuum behandeln, das sich von anderen unterscheidet, seine eigene Identität, Arbeit und Kultur hat.

Es gibt viele kleine Lösungen in diesem Bereich. Wir müssen nur offen darüber nachdenken und nicht den Klischees über oder der Angst vor Flüchtlingen auf den Leim gehen.

In ihrer Gegenrede verwendet Frau Schayani durchgängig meinen Vornamen und nicht meinen Nachnamen Alasheq. So schreibt sie beispielsweise: „Ramy fordert“. Vielleicht, weil sie für mich Freundschaft empfindet. Oder weil sie mich für in der Hierarchie niedriger stehend hält. Oder vielleicht, weil sie selbst einen Migrationshintergrund hat. Bedeutet das aber, dass sie sich noch nicht integriert hat?

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